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Mariupol: Vertriebener Bürgermeister beklagt Geiselnahme von Bürgern

17:14
03.06.2022
Nach der russischen Einnahme der Hafenstadt Mariupol im Südosten der Ukraine hat der vertriebene Bürgermeister Wadym Boitschenko der Führung in Moskau eine Geiselnahme der dort verbliebenen Menschen vorgeworfen. Es seien noch etwa 100 000 Einwohner in Mariupol. „Sie werden dort festgehalten von den russischen Truppen und praktisch als menschliche Schutzschilde benutzt“, sagte Boitschenko am Freitag in Kiew. Die Einwohner könnten nicht auf von der Ukraine kontrolliertes Gebiet fliehen. Vielmehr wollten die Russen die Zivilisten in der Stadt behalten, um der Ukraine eine Befreiungsoffensive zu erschweren.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte gesagt, dass Kiew auf die Lieferung von Waffen aus dem Westen warte, um ihre Gebiete zu befreien. Dabei solle aber nicht das Leben vieler Menschen gefährdet werden. Bürgermeister Boitschenko sagte, dass Mariupol nicht aufgegeben werde, obwohl die Stadt zu 95 Prozent zerstört sei.

Russland sei ein „Terrorstaat“, der in der einst von fast 500 000 Menschen bewohnten Stadt Verbliebene zwinge, russische Pässe anzunehmen – „Lappen der Schande“. Boitschenko sagte auch, dass bei den Kämpfen um Mariupol mehr als 20 000 Menschen getötet worden seien. „Das sind doppelt so viele wie im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung. Es ist das größte Blutvergießen in der Geschichte Mariupols“, sagte er. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

In der ganzen Stadt verbreite sich Leichengeruch und die Gefahr von Infektionen, weil die Toten nur sehr oberflächlich in Vorgärten oder Hinterhöfen verscharrt worden seien. Angesichts der sommerlichen Hitze und zerstörten kommunalen Infrastruktur wie Strom- und Abwasserleitungen und Müllentsorgung verschärfe sich die Lage zusehends. „Der Gestank des Todes macht das Atmen schwer.“

Henrik Schumacher

Ukrainischer Minister: 370 kulturelle Stätten durch Krieg zerstört

16:07
03.06.2022
Russland hat es mit seinem Krieg gegen die Ukraine nach Ansicht des Kiewer Kulturministers Olexandr Tkatschenko auf die Auslöschung der Identität des Landes angelegt. Während der ersten 100 Tage der Invasion habe Russland 370 kulturelle Stätten zerstört, sagte Tkatschenko am Freitag in Kiew. Es seien Kulturdenkmäler, vor allem Kirchen, aber auch Exponate zu Schaden gekommen.

„Kultur ist Identität“, sagte der Minister. Deshalb gehe es Russland darum, die identitätsstiftende ukrainische Kultur zu vernichten. Die Ukraine habe eine große Kultur und werde sie auch international stärker fördern. „Wir können die russische Kultur, die Moskau als Waffe sieht, im Ausland und überall durch unsere eigene Kultur ersetzen“, meinte Tkatschenko.

Viele Künstler und professionelle Kulturschaffenden seien an der kulturellen Front tätig. Auch bei einem Konzert am Brandenburger Tor in Berlin unlängst hätten sich die Menschen in der deutschen Hauptstadt davon überzeugen können. Dort trat auch die Band Kalush Orchestra auf, die in diesem Jahr den Eurovision Song Contest (ESC) in Turin gewonnen hatte.

Tkatschenko bekräftige Pläne, den ESC im kommenden Jahr in der Ukraine auszurichten – trotz des nicht absehbaren Endes des Krieges. Die Bedingungen für ein Musikfest in Kriegszeiten müssten noch geklärt werden, meinte er. Es solle aber in dem Siegerland über die Bühne gehen.

Henrik Schumacher