Letztes Update:
20220314160107

Tag 69

09:33
21.05.2020
Wir haben sechs Plätze im ersten öffentlichen Gottesdienst unserer Pfarrgemeinde ergattert. Als die Gemeinde vergangene Woche in einem Schreiben informiert, dass sie - wenn auch eingeschränkt - ab Christi Himmelfahrt wieder Gottesdienste anbietet, beratschlagen wir im Familienrat, ob wir gleich gehen oder noch warten sollen. Alle sind für einen Kirchenbesuch, und so versuchen wir unser Glück mit einem Anruf. Es klappt. Namen, Adresse und Kontaktdaten werden im Vorfeld notiert. Heute ist es dann soweit. Vor der Kirche setzen wir unsere Masken auf. Der Ordnungsdienst weist uns die Plätze zu: Wir dürfen in einer Reihe sitzen. In unserer Pfarrgemeinde war es in den letzten Wochen besonders kurios, denn zum 1. Mai gab es einen Pfarrerwechsel. Sehr unglücklich für den früheren Pfarrer: Er verabschiedete sich schriftlich von den Schulkindern, ein Abschiedsgottesdienst durfte nicht gefeiert werden. Der neue Pfarrer darf zumindest im kleinen Kreis seine Gemeinde begrüßen und feiert heute mit uns seinen ersten Gottesdienst - und bekommt als Willkommensgeschenk eine Kiste mit regionalen Leckereien. Auch für ihn sei es komisch, gesteht er, schließlich sei er als neuer Pfarrer bisher nur ein Phantom gewesen. Der Gottesdienst ist anders: Wir dürfen nicht singen, sitzen in großem Abstand zu den anderen Besuchern. Immer zwei Bänke sind zwischen den Gemeindemitgliedern frei. Vor der Kommunion desinfiziert sich der Pfarrer die Hände. Trotzdem ist es ein schönes Gefühl, in der Kirche zu sitzen. So richtig dabei zu sein. Als wir gehen, setzen wir den Schutz wieder auf. Der Pfarrer bittet alle, nicht auf dem Vorplatz zu verweilen. Auch hier gebe es Vorschriften. Das macht uns nichts aus: Wir winken uns zu und sind froh, dass Kirche wieder in der Kirche stattfinden kann. Stück für Stück. Die nächsten Gottesdienste schauen wir uns aber im Internet an, wo sie auch übertragen werden. Denn jetzt sind erstmal andere Gemeindemitglieder mit einem Kirchenbesuch dran. Erlaubt sind schließlich nur 42 Personen.

Eva Baumgartner

14:31
20.05.2020
Das erste Mal in die Stadt: Auch das verursacht in diesen Zeiten ein mulmiges Gefühl. Wir müssen das Saxofon reparieren lassen. Und Mannheim ist voller, als wir zunächst dachten. Zahlreiche Menschen tummeln sich in den Quadraten, sitzen in Cafés oder flanieren durch die Straßen. Nicht in alle Läden kommen die Kunden ohne Wartezeit, vor allem vor Geschäften für Sportschuhe, vor einem Textildiscounter in der Fressgasse und vor einem neu eröffneten Outlet in der Kunststraße gibt es die längsten Schlangen. Vor oder in den Geschäften halten nicht alle Menschen Abstand: Es gibt immer wieder Einzelne oder Grüppchen, die das gar nicht kümmert. Oder Personen, die zwar einen Schutz tragen, diesen aber lässig am Kinn sitzen haben. Klar, das Tragen der Bedeckung ist nicht angenehm, doch wir als Kunden können schließlich immer wieder an die frische Luft. Das können nicht alle: Eine Verkäuferin gesteht uns, dass sie von der Maske Kopfschmerzen hat. „Ich darf sie acht Stunden nicht absetzen, auch wenn kein Kunde in der Nähe ist“, sagt sie. Doch das nehme sie in Kauf, sie ist froh, dass der Laden wieder öffnen kann und Geld in die Kasse kommt. Sie und ihre Kollegen geben gerade ihr Bestes, rennen von der Kasse zum Telefon, und trotzdem gibt es immer wieder Kunden, denen es nicht schnell genug geht, die pampig werden. Ganz ehrlich: Wer einkaufen geht, der sollte sich wirklich bemühen, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen. Das sollte nicht nur beim Einkaufen, sondern in allen Situationen gelten. Vieles dauert gerade einfach länger. Seien wir doch froh, dass wir überhaupt vor Ort einkaufen gehen können. Denn auch wenn es länger dauert: Entschleunigung gehört in diesen Zeiten dazu. Und einen Gang runter zu schalten ist nicht das Schlechteste. 

Eva Baumgartner