Frankreichs Regierung will die Impfzahlen in die Höhe treiben und hat sich dabei womöglich verpokert. Denn neben Impfanmeldungen und gespritzten Dosen schießt auch die Zahl vehementer Kritiker in die Höhe. Mehr als 200 000 Menschen gingen zuletzt landesweit auf die Straße, um gegen eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal und eine breitere Nachweispflicht zu demonstrieren. Am Donnerstag nimmt das Gesetz zu den schärferen Hygienevorschriften im Verfassungsrat seine letzte Hürde. Ob die Großproteste weitergehen, hängt davon aber nicht unbedingt ab.
Im Kampf gegen eine vierte Corona-Welle hatte Staatschef Emmanuel Macron Mitte Juli eine Impfpflicht für Personal im Gesundheitswesen und eine Ausweitung des sogenannten Gesundheitspasses angekündigt. Beides stieß sofort auf heftige Kritik. Dennoch billigte das Parlament die Regeln vergangene Woche. Mehrere Abgeordnete und Premierminister Jean Castex riefen allerdings den Verfassungsrat an. Gibt dieser sein Okay, muss ab dem 9. August auch im Fernverkehr, in Einkaufszentren und Restaurants ein negativer Corona-Test, ein Impf- oder Genesungsnachweis gezeigt werden.
Für viele Demonstrierende geht das zu weit. Sie sehen in den neuen Vorschriften eine Einschränkung ihrer Freiheiten. Manche haben auch Angst vor langfristigen Impffolgen und fühlen sich von der Regierung zunehmend zur Immunisierung gedrängt. Sorgen, die Macron derzeit in Minivideos auf Instagram auszuräumen versucht. Doch die Kritik geht noch weiter. „Es ist nicht nur der Gesundheitspass, den die Demonstranten in Frage stellen, sondern auch der als zu autoritär und polarisierend empfundene Regierungsstil Macrons“, sagt der Politikwissenschaftler Jean-Yves Camus der Deutschen Presse-Agentur.