Einige Radiostationen spielen in den Randzeiten bereits KI-generierte Musik. Ist das ein pragmatischer Schritt in wirtschaftlich engen Zeiten oder der Anfang vom Ende der emotionalen Kraft des Radios?
Die Sender von The Radio Group
experimentieren seit gut zwei Jahren mit KI-generierten Songs im Nachtprogramm. Für CEO
Tim Lauth ist das ein wichtiges Experiment, das sich auch wirtschaftlich auszahlt. Das erste Feedback ist positiv, es bildet sich sogar langsam eine Community um das Format. Durch das Projekt konnte ein kleiner fünfstelliger Betrag an GEMA-Gebühren eingespart werden. In Zeiten angespannter Kassen ein wichtiges Argument, um Personal zu halten. Die Vorwürfe, man nehme echten Künstlern die Bühne, kommen laut Lauth vor allem von Personen, die die Sender ohnehin nicht hören.
- Wo bleibt der Mehrwert und die Überraschung?
Annick Manoukian (RADIO NRW) hinterfragt den musikalischen Mehrwert für die Hörer. Da KI-Modelle bestehende Hits als Trainingsdaten nutzen, „klauen“ die KI-Songs im Grunde nur bei etablierten Künstlern. Bei RADIO NRW wird KI zwar intensiv genutzt – allerdings im Hintergrund für die Auswertung von Zahlen, Daten und Fakten in der Musikplanung, nicht für die Musikkreation. Für David Banks von Audiotainment Südwest braucht es für eine gute Musikplanung zwingend den Menschen. Nur so entstehen die unvorhersehbaren Überraschungen im Programm, die das Radio ausmachen.
- TikTok als der neue Hit-Maker
Unabhängig von KI hat sich die Entstehung von Hits radikal verändert. Die Musikredaktionen schauen heute nicht mehr nur auf klassische Bemusterungen.
Songs werden heute oft auf TikTok oder Spotify zum Hit, lange bevor sie im Radio laufen.
Junge Formate wie bigFM (Audiotainment Südwest) können diese Trends schneller erkennen und aufgreifen, als klassische lokale AC-Sender. Aber auch sie können mit der Schnelligkeit des Internets nicht mithalten.
Ein Fazit?Die Radiobranche ist gespalten: Während die einen KI im Musikprogramm als legitimes Werkzeug zur Kostensenkung und Experiment in Randzeiten testen, sehen die anderen den Mehrwert von KI primär als Analyse-Tool im Hintergrund. Einig war sich die Runde jedoch darin, dass man Plattformen wie TikTok permanent screenen muss, um bei den echten, von Menschen gemachten Hits am Puls der Zeit zu bleiben.
Juan Esteban Naupari