Wie auch immer eine mögliche Friedenslösung für die Ukraine aussehen mag, eines dürfte dabei klar sein: Das angegriffene Land wird wohl oder übel Zugeständnisse in Form von Gebietsabtretungen an den mächtigen Nachbarn Russland machen müssen, um im Gegenzug dafür endgültig Richtung Westen aufbrechen zu können. So ist es zum Beispiel schwer vorstellbar, dass Moskau auf die Krim verzichten wird. Jahrhundertelang war die Halbinsel im Schwarzen Meer ein Teil Russlands, bevor sie in den 1950er-Jahren der Ukrainischen Sowjetrepublik übertragen wurde. Und auch im Donezk-Becken, dem Industriegebiet im Osten der Ukraine, gibt es eine starke russische Minderheit, die sich eher nach Moskau als nach Kiew orientiert.
Was aber der russische Staatspräsident Wladimir Putin bisher fordert, nämlich neben dem Verzicht auf die Regionen Luhansk und Donezk auch noch die Herausgabe der Regionen Saporischschja und Cherson, das ist für die Ukraine schlicht und einfach unannehmbar. Es wäre unklug, wenn der Westen dies zulassen würde: Das käme einer Belohnung für Putins völkerrechtswidrigen Überfall gleich. Zumal eine solche Lösung weit über die Geländegewinne hinausginge, die Russland bisher auf dem Schlachtfeld unter maximalem Einsatz von Material und Menschenleben erreicht hat.
Es besteht noch eine weitere Gefahr darin, den Forderungen Putins nachzugeben: Dann dürfte sich nämlich in der Ukraine eine neue "Dolchstoßlegende" verbreiten. Interessierte Kreise könnten in Kiew die Erzählung verbreiten, dass die Politik im Bündnis mit dem Westen dem Militär in den Rücken gefallen sei. Das würde die Ukraine zusätzlich schwächen.
Daher wird für eine Friedenslösung in der Ukraine, die erstmals seit dreieinhalb Jahren überhaupt vage möglich scheint, auch Putin Zugeständnisse machen müssen. Die kommenden beiden Wochen werden zeigen, wie ernst es dem Machthaber in Moskau mit einem Frieden wirklich ist. Skepsis bleibt angebracht.
Aber wer weiß: Es könnte die Zeit kommen, in der sich die Regionen, die die Ukraine künftig vielleicht abgeben muss, freiwillig wieder zurück nach Kiew sehnen, weil das Leben in einer modernen, wirtschaftlich dynamischen und demokratischen Ukraine ungleich besser sein wird als in einer russischen Autokratie.