Nach Einschätzung des Psychologen Jürgen Margraf spielt ein Gewöhnungseffekt im Westen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Hände. "Als die russischen Truppen vor einem Jahr in die Ukraine vorrückten und die ersten Raketen einschlugen, waren wir alle schockiert", sagt Margraf der Deutschen Presse-Agentur. Er erinnert an die großen Demonstrationen, die es nach dem Beginn des Angriffskriegs am 24. Februar 2022 gegeben hatte. Inzwischen sei jedoch fast schon Normalität eingekehrt. Margraf, Humboldt-Professor und Leiter des Forschungs- und Behandlungszentrums für Psychische Gesundheit an der Universität Bochum, gilt als einer der führenden Angstforscher.
Es sei wissenschaftlich nachgewiesen, dass starke Gefühle aufgrund eines besonders positiven oder auch besonders negativen Erlebnisses nach einer gewissen Zeit wieder abklängen, sagt Margraf. "Man gewöhnt sich in den meisten Fällen auch an die ganz schlimmen Katastrophen im Leben. Nach einer gewissen Zeit ist man wieder auf dem Ausgangsniveau - egal was sich vorher ereignet hat." Dieser Mechanismus wirke auch in Bezug auf den Krieg.