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Experte: Herdenimmunität in Deutschland nicht erreichbar

04:31
26.07.2021
Angesichts der aktuellen Corona-Lage sieht der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr keine Chance für das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland. „Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist.“ Dafür gebe es unter anderem viel zu wenig Impfungen und Impfbereitschaft, sagte der Experte für Corona-Prognosen der Deutschen Presse-Agentur in Saarbrücken. Für eine Herdenimmunität und somit eine erfolgreiche Eindämmung der Pandemie müssten 85 Prozent der Deutschen geimpft oder genesen - also immun - sein.

Stattdessen sieht Lehr eine neue Welle auf Deutschland zurollen. „Das exponentielle Wachstum ist voll im Gange. Und die Zahlen werden jetzt weiter steigen“, sagte er nach seinen Berechnungen. Wenn das Wachstum so weitergehe, wie derzeit, dann sei Ende September eine Inzidenz von 150 zu erwarten. „Wir würden also bis dahin ein Verzehnfachung der Inzidenz sehen. Das muss man schon als neue Welle bezeichnen“, sagt Lehr, der zusammen mit anderen Forschern ein Covid-19-Simulationsprojekt betreibt.

Eine Abbremsung bringen könnten sicherlich Impfungen, aber die Zahl der Impfungen gehe momentan „wirklich massiv zurück“, sagte er. Vor allem die der Erstimpfungen. In Deutschland ist rund die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft.

Der niederschwellige Zugang zu Impfangeboten werde nun „ganz wichtig“ sein: „Der Berg muss auch mal zum Propheten kommen.“ Zudem müsse man auch „in Gruppen reingehen“, die noch nicht geimpft worden seien - wie die 12- bis 15-Jährigen. Zwischen 60 und 70 Prozent aller neuen Infektionen betreffen laut Lehr die 15- bis 35-Jährigen. Die ansteckendere Delta-Variante mache insgesamt fast 90 Prozent der Fälle aus. Lehr sagte, er sehe bei steigender Inzidenz eine „relativ große Gefahr, dass sich Durchbruchvarianten entwickeln könnten“.

Aber: Selbst wenn das Impftempo jetzt wieder Fahrt aufnähme, würde das wegen des zeitlichen Verzugs - also bis die Impfungen voll wirkten - derzeit nicht stark weiterhelfen. „Deshalb sollten wir vor allem zusehen, dass wir nicht sämtliche Maßnahmen lockern“, sagte der Experte. Man sollte Grundregeln und die Maskenpflicht beibehalten - und auf keinen Fall wie in Großbritannien alle Maßnahmen über Bord werden. „Die Krankenhausbelegungen sind dort bereits dramatisch gestiegen. Es wird da noch drastisch werden.“

Sarah Cames