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Merkel und Söder - Mit homöopathischen Dosen in den Corona-Frühling?

09:21
28.02.2021
Nach Wochen der sinkenden Infektionszahlen steht Deutschland in der Corona-Pandemie wieder mal an einem Scheideweg - zwischen dritter Welle und Lockdown-Frust. Liegt die Lösung in einer Öffnungsmatrix?

München - Wer Angela Merkel und Markus Söder dieser Tage in Sachen Corona-Krise lauscht, der kann neue Töne hören: So spricht die Kanzlerin neuerdings von „Öffnungsschritten“ in Paketen. Und der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef wirbt nun für eine „Öffnungsmatrix“.

Wenige Tage vor der nächsten Konferenz von Bund und Ländern zur weiteren Strategie in der Pandemie an diesem Mittwoch kann man da schon hellhörig werden. Geben die beiden, die stets für einen strikten Anti-Corona-Kurs kämpften, immer lauter werdenden Rufen nach Lockerungen nach? Oder was passiert da? Eine Spurensuche.

Als Söder nach der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz mit seinem Kabinett in Bayern entschied, die Grundschüler schon vom 22. Februar an in Regionen mit einer Inzidenz von unter 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche wieder in den Wechselunterricht zu holen und dort auch die Kitas wieder zu öffnen, rieben sich viele Menschen auch im übrigen Deutschland ungläubig die Augen. Merkel hatte sich für Schul- und Kitaöffnungen erst ab 1. März eingesetzt.

Und damit nicht genug: Erst verkündete Söder die Öffnung von Blumenläden, Gärtnereien und Gartenmärkten von diesem Montag (1. März) an. Und am Tag darauf beschloss das Kabinett plötzlich, zum Ärger des Nachbarn Baden-Württemberg, auch die Öffnung von Baumärkten. Söder plötzlich mit als Vorreiter bei Öffnungen - das ist neu.

Tatsächlich war der interne Druck auf Söder zuletzt gestiegen, und das nicht nur von seinem heimischen Koalitionspartner, den Freien Wählern. Auch CSU-intern, etwa im Parteivorstand und in der Landtagsfraktion, mehren sich beständig die Stimmen, die sukzessive weitere Lockerungen fordern. Auch Landräte und Oberbürgermeister mit niedrigen Sieben-Tage-Inzidenzen verlangen dringend Öffnungen. Der Augsburger Landrat (und CSU-Vize!) Martin Sailer drohte zuletzt sogar damit, gegen die Corona-Regeln der Staatsregierung zu klagen.

Knickt Söder also vor dem wachsenden internen Druck ein? Tatsächlich findet, wer seinen Kurs im Corona-Frühling 2021 genau betrachtet, auch ein anderes Bild: Im Gegensatz zu anderen Ländern setzt Bayern weiterhin in Hotspots ab einer Inzidenz von 100 auf strenge Maßnahmen wie nächtliche Ausgangsbeschränkungen - gerne auch Ausgangssperren genannt. Alle bayerischen Schüler sind angehalten, medizinische Masken auch im Unterricht zu tragen. Bayernweit gilt in Geschäften wie im ÖPNV eine FFP2-Maskenpflicht und an den Grenzen nach Tirol und Tschechien gibt es Kontrollen samt Testpflicht bei Einreisenden.

In Bayern dürften damit weiterhin die mit strengsten Corona-Auflagen in Deutschland gelten. Und auch bei Merkel schwingt in allen Aussagen nach wie vor die bisherige Linie mit, die ihr bei anderen Länderchefs das Image der „Bremserin“ eingehandelt hat. So warnt sie vor allzu großen Lockerungshoffnungen im Zusammenspiel mit Corona-Selbsttests.

Was ist am Mittwoch zu erwarten, wenn ganz Deutschland wieder auf die Ergebnisse der Ministerpräsidentenkonferenz wartet? Es dürften Öffnungen in homöopathischen Dosen sein. Genug, um den Menschen nach dem Winter-Lockdown ein wenig Hoffnung zu geben. Aber so sparsam dosiert, dass auch durch die immer mehr verbreiteten Mutationen nicht gleich automatisch ein Rückfall ins exponentielle Wachstum droht.

Doch es ist ein schmaler Grat. Auch in Merkels Umfeld weiß man um die riesigen Öffnungserwartungen in der Bevölkerung, glaubt wegen der Mutationen aber nicht daran, in nächster Zeit die magische 35er-Inzidenz überhaupt erreichen zu können. Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der Bundesregierung, aus epidemiologischer Sicht werde man wohl erst um Pfingsten herum soweit sein, dass im größeren Stil geöffnet werden kann, wegen der dann fortgeschrittenen Impfungen auch von Menschen mittleren Alters mit Vorerkrankungen sowie dem Sommer-Effekt. Pfingsten ist Ende Mai.

Noch mehr als die im Herbst aus dem Amt scheidende Kanzlerin muss Söder parteiintern die Stimmung beachten. Hier gilt es frühzeitig „abzufedern“, damit der Rückhalt weiter hoch bleibt. Und: Ohne Lockerungen drohe sich die Bevölkerung vom generellen Corona-Kurs abzuwenden, heißt es parteiintern. Das will auch Merkel vermeiden, zumal ihr neben dem Gesundheitsaspekt sehr daran gelegen sein dürfte, dass die guten Umfragewerte für die Union erhalten bleiben.

Vieles spricht daher dafür, dass sich Söder wie Merkel am Mittwoch für einen Weg einsetzen werden, der genau diese Gemengelagen unter einen Hut bringt. „Wir brauchen ein nachvollziehbares Konzept, das sowohl bei besser werdenden Inzidenzen Öffnungen vorsieht, aber auch die Möglichkeit der Sicherheit bietet, wenn es schlechter wird“, sagte Söder am Freitag der Deutsche Presse-Agentur. Es brauche einen Sicherheitspuffer für Folgen der Mutationen. Merkel spricht von Paketen aus den Bereichen Kontaktbeschränkungen, Schule, Hochschule sowie Geschäfte, Restaurants, Hotels, Kunst und Kultur und Sport.

Vieles wird davon abhängen, worauf sich die anderen Ministerpräsidenten als Kompromiss einlassen. Aus Söders Umfeld ist zu hören, dass die Matrix, anders als etwa die eine Zeit lang diskutierten Öffnungskonzepte, mehr Faktoren wie Impfraten und Schnelltests berücksichtige. Zumindest wenn diese hoffentlich in einigen Wochen wirklich in nennenswertem Umfang vorliegen.

Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, dem lange das Image anhing, zu forsch auf Lockerungen zu setzen, äußert sich zurückhaltend. „Es gilt weiter das Gebot, vorsichtig zu sein“, sagte der CDU-Chef am Freitag nach Beratungen mit Merkel. „Öffnungen sind nur da möglich, wenn wir dadurch schwere Schäden auffangen können.“

Kernelemente des neuen Konzepts dürften weiterhin die Inzidenzstufen 35, 50 und 100 bleiben. Je nach Infektionslage wären dann etwa unter 35 regional mehr Öffnungen für Geschäfte, mehr Kontakte und mehr Schulunterricht möglich, bei schlechteren Werten aber auch Verschärfungen festgeschrieben. Im Grunde wäre das also wieder eine Corona-Ampel, wie es sie so ähnlich schon im vergangenen Jahr gab.

Letztlich warnt Söder weiter vor überstürzter Hektik, unüberlegten Experimenten und dem Ende der bundeseinheitlichen Philosophie. Dazu passend will er am Montag mit seinem sächsischen Kollegen Michael Kretschmer (CDU) einen Zehn-Punkte-Plan für eine Covid-19-Allianz beider Länder präsentieren. Klarheit gibt es aber erst am Mittwoch.

Schwesig dringt auf Perspektivplan - Einkaufen per Terminvergabe?

08:08
28.02.2021
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat vor dem Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch ihre Forderung nach einem Ausstiegsszenario aus dem Lockdown erneuert.

Schwerin - „Wir brauchen dringend einen Perspektivplan für ganz Deutschland. Wir müssen den Menschen sagen, in welchen Schritten wir vorangehen wollen“, sagte Schwesig der Deutschen Presse-Agentur in Schwerin.

Bei der Festlegung auf Lockerungen der aktuell harten Corona-Schutzmaßnahmen dürfe nicht allein die Sieben-Tage-Inzidenz bei Neuinfektionen der Maßstab sein. „Wir müssen stärker darauf schauen, wie die Belastung der Krankenhäuser ist, wie der Stand der Impfungen. Und wir müssen mit dem Testen vorankommen“, sagte die SPD-Politikerin. Wenn flächendeckend Selbsttests zur Anwendung kämen, etwa in Kitas, Schulen und auch wirtschaftlichen Bereichen, wären mehr Öffnungen möglich.

Ob dann auch der zuletzt für Lockerungen festgesetzte Inzidenzwert von 35 Infektionen je 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche wieder erhöht werden könnte, sagte Schwesig nicht. Im Land und auch bundesweit liegt er aktuell über 60, bei zuletzt wieder steigenden Infektionszahlen.
Schwesig sprach sich dafür aus, dem seit Monaten geschlossenen Einzelhandel schrittweise wieder die Öffnung der Geschäfte zu erlauben. „Ich habe der Wirtschaft schon vor 14 Tagen vorgeschlagen zu schauen, ob wir Einkaufen per Terminvergabe in Mecklenburg-Vorpommern möglich machen können. Das würde insbesondere ganz kleinen Geschäften helfen“, sagte Schwesig. Ein solches Modell könne auch bundesweit zur Anwendung kommen. Dafür wolle sie sich bei der Bund-Länder-Konferenz einsetzen. Doch mahnte sie angesichts der Ausbreitung ansteckenderer Virusvarianten auch zu Vorsicht und warb um Geduld, etwa bei der Öffnung von Gaststätten und Hotels.

Vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Infektionsentwicklungen votierte Schwesig für regional angepasste Öffnungsschritte. „Im Rahmen eines bundesweiten Perspektivplans muss es möglich sein, regional voranzugehen. Wenn sich ein Land gut entwickelt, aber ein Landkreis schlechte Zahlen hat, dann muss man auch bereit sein, in den anderen Regionen voranzugehen. Das machen wir bereits bei Kitas und Schulen“, sagte Schwesig.