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Coburg: Schulöffnung am Montag: Lehrerverband schlägt Alarm

14:31
14.03.2021
Freiwillige Selbsttests, fehlendes Impfangebot, Tag des offenen Klassenzimmers: Ministerien hätten den Blick für die Realität an Schulen völlig verloren, kritisiert Max Lachner, BLLV-Vorsitzender des Kreisverbandes Coburg Land.

Coburg - Neun Wochen nach Ende der Weihnachtsferien kehren am Montag, nach den Grundschülern und Abschlussklassen auch die übrigen Jahrgänge aller Schularten in die Schulgebäude zurück, zumeist im Wechselmodell. Nur bei besonders hohen Inzidenzwerten über 100 bleibt es vorerst beim Distanzunterricht. Max Lachner, Kreisvorsitzender Coburg-Land des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, übt in diesem Zusammenhang scharfe Kritik an Ministerien, die den Blick für die Realität an Schulen völlig verloren hätten. Schulleitungen und Lehrkräfte seien verzweifelt.

18. Dezember 2020 bis 15. März 2021 – das sind 86 Tage. In dieser Zeit mussten die Schülerinnen und Schüler im Distanzunterricht arbeiten und lernen, ohne soziale Kontakte und mit einigen Problemen. Natürlich wollten alle, dass Schule wieder normal wird. Lehrerinnen und Lehrer wollten wieder live und von Angesicht zu Angesicht unterrichten und die Schülerinnen und Schüler fördern. Die Kinder und Jugendlichen wollten wieder ihre Freunde in der Schule sehen und auch aus dem heimischen Kinderzimmer rauskommen. Die Eltern wollten wieder mehr Normalität für ihre Kinder und weniger Stress für die Familie. Alles verständlich. Aber ist jetzt wirklich die beste Zeit für die Öffnung?, fragt Max Lachner. Sei wirklich alles getan und gut vorbereitet?

Reihentestungen
Teil der bayerischen Teststrategie sei z.B. die freiwillige Reihentestung von Lehrkräften und Schülern. Diese sei allerdings wie so oft in letzter Zeit zu spät gekommen und habe von den Schulen in Eigeninitiative organisiert werden müssen. Als die ersten Kollegien sich haben testen lassen, seien die Grundschüler und Abschlussklassen bereits mehrere Tage wieder in der Schule gewesen und die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen hätten Kontakte mit Hunderten von Schülern gehabt. Reihentestungen für diese anzubieten und durchzuführen, sei für viele Schulen derzeit eine organisatorische Mehrbelastung, die schlicht nicht leistbar ist, so Max Lachner. Dienstleister und Organisationen wie das Rote Kreuz ins Boot zu holen sei nötig.

Verpflichtende Reihentestungen von allen Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern, eine Woche vor Unterrichtsbeginn wäre hier die richtige und eine echte Strategie gewesen.

Selbsttests
Eine weitere Maßnahme ist der Einsatz von kostenlosen, freiwilligen Selbsttests. Zunächst nur für Lehrpersonal und Schüler ab 15 Jahren zur Eigenanwendung zu Hause angedacht, sollen nun auch jüngere Schülerinnen und Schüler unter Aufsicht in der Schule getestet werden. Die Teilnahme sei freiwillig, die Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten erforderlich. Sofern im Einzelfall keine Testung gewünscht wird, sei eine Teilnahme am Unterricht trotzdem möglich. Diese Neuerung sei den Schulleitungen am letzten Donnerstagabend mitgeteilt worden. Hieß es zuvor, dass Selbsttests für die Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren mit nach Hause gegeben werden sollen, so werde dies nach den Osterferien nur noch in der Schule stattfinden. Max Lachner sarkastisch: „Planlosigkeit und ein ständiges Hin und Her erleichtern den Kampf gegen das Virus ungemein! Das schafft Vertrauen!“ Zudem gebe es leider noch nicht an allen Schulen die versprochenen Selbsttests – Liefertermin ungewiss. Bei Aldi und Lidl lägen sie seit über einer Woche im Regal. „Was sagt das bitte über unsere Regierung aus, wenn die Discounter das schneller hinbekommen?“, fragt der BLLV-Kreisvorsitzende.

Pro Person 15 Minuten
In der Anleitung dieser Selbsttests werde darauf hingewiesen, dass bei der Anwendung bei Kindern der Test mit Vorsicht von einem Erwachsenen durchgeführt werden soll. Wie sieht es mit der Qualifikation und vor allem der Haftung der betreuenden Lehrkraft aus? Testzeit pro Person: über 15 Minuten. Woher nehmen sie diese Zeit? Was geschieht, wenn ein Selbsttest in der Schule dann positiv ist? Datenschutz? Infektionsschutz für alle Beteiligten während der Testung? Für Max Lachner viele ungeklärte Fragen. Aufsicht bedeute Verantwortung. Eine Lehrkraft sei kein medizinisches Personal und könne keine Verantwortung für die korrekte Durchführung von Tests übernehmen. Schulleitungen und Lehrkräfte verzweifelten immer mehr an den „absurden Ideen der Ministerien“, die den Blick für die tägliche Praxis und die Realität an Schulen schon lange völlig verloren haben.

Der „Gipfel dieser Absurdität“: Der „Tag des offenen Klassenzimmers“. „Ein Top-Vorschlag des Kultusministers Piazolo“, ätzt Lachner: Grund- und Förderschülern in Hotspot-Regionen im bayerischen Grenzraum zu Tschechien sollen noch vor Ostern die Möglichkeit erhalten, an einem Tag pro Schulwoche ihre Schule zu besuchen. „Das Virus macht an diesem Tag Pause“, so Lachner. Nach einem weiteren Vorschlag von Kultusminister Michael Piazolo soll Wechselunterricht durch das häufige Testen auch in Regionen mit hohen Corona-Zahlen möglich sein. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir über die Methode des intensiven Testens auch bei Sieben-Tage-Inzidenzen über 100 mindestens die Grundschulen wieder öffnen können“, sagte Piazolo am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in München. Zudem werde darüber nachgedacht, die vierten Klassen als Abschlussklassen einzustufen, damit man bei zu hoher Inzidenz trotzdem Wechselunterricht durchführen kann – schließlich sei der „Abschluss“ Übertritt gefährdet. Grundschul-Abitur vor Gesundheitsschutz? Das dürfe nicht sein.

Verpflichtende (verfügbare) Selbsttests mindestens zweimal die Woche von allen Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern unter Anleitung von geschultem medizinischen Personal pünktlich zu Unterrichtsbeginn wäre hier die richtige und eine echte Strategie gewesen, so Lachner.

Impfungen
Die Tests allein reichten nicht aus. Allen Lehrkräften aller Schularten vor allem in Corona-Hotspots müsse sofort ein Impfangebot gemacht werden, fordert der BLLV-Kreisvorsitzende. Der zögerliche Anfang für die Grund- und Förderschulen käme zu spät. Bereits im Januar/Februar hätten diese Impfungen stattfinden müssen. „Bevor nicht Test- und Impfangebote für alle Schulen aller Schularten vorliegen, könnten wir Schule nicht weiter öffnen“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Der Gesundheitsschutz für Erziehern, Lehrkräfte, Schüler und deren Angehörige müsse Vorrang haben.

Mancherorts würden von der Elternschaft Petitionen gestartet, Landräte in den sozialen Medien bekniet, Schulen und Kitas offen zu lassen – auch bei einem Inzidenzwert über 100. Die Eltern könnten nicht mehr, das sei durchaus verständlich. Doch welches Signal sei das für Lehrerinnen und Lehrer, für Erzieherinnen und Erzieher, Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger? Die Kitas seien die ganze Zeit mehr oder weniger offen geblieben. Das Personal völlig ungeschützt. Impfangebote habe es nicht gegeben.

In manchen Landkreisen seien die Bürgermeister und Stadtmitarbeiter geimpft worden, während 86-jährige Großväter und Kita-Personal noch nicht einmal einen Erst-Impftermin genannt bekommen hätten. Das sei Impfversagen und ein Skandal. Impfangebote weit vor der Öffnung der Schulen und Kitas wären hier die richtige Strategie gewesen.

Hygienekonzept/Rahmenhygieneplan
In der letzten Pressekonferenz am 11. Februar und in den Wochen danach sei von Seiten des Ministeriums immer wieder eine aktualisierte Fassung des Rahmenhygieneplanes vom 11.12.2020 für Schulen versprochen und angekündigt worden. Sportunterricht: Ja oder Nein? Essen im Ganztag: Ja oder Nein? Viele Fragen waren ungeklärt.

Am Freitagnachmittag (nach 14 Uhr) sei er dann- vier Wochen später- veröffentlicht worden und habe so den Schulleitern „(mal wieder) ein tolles, arbeitsreiches Wochenende“ beschert, an dem die Unterrichtsorganisation geklärt wurde, wie es mit den Ganztagsangeboten und der Mittagsverpflegung aussieht und welche Maßnahmen für den Infektionsschutz aktuell wichtig sind. Die Grundschulen und Abschlussklassen seien zu diesem Zeitpunkt bereits drei Wochen im Wechselunterricht in der Schule gewesen. Max Lachner: „Vielleicht ist das einigen Eltern zu spät und sie nehmen die nun verlängerte Möglichkeit wahr, ihr Kind vom Präsenzunterricht formlos ‚freizustellen’“.

Wie ein Damoklesschwert
Transparenz in der Entscheidungsfindung und frühzeitige Informationsweitergabe an die Schulleitungen weit vor der Öffnung der Schulen wäre hier geboten gewesen. Die Mutante hänge wie ein Damoklesschwert über uns, eine echte Teststrategie fehle, exponentielles Wachstum winke. Die dritte Welle sei bereits da und trotzdem werde gelockert. Es fehle eine wirkliche Vision, eine Perspektive, ein Plan für die nächsten Wochen.

Der BLLV fordert deshalb eine langfristige, durchdachte und sichere Impfstrategie: Alle Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher müssten bei einer freiwilligen Impfung priorisiert werden. Tests für alle, nur dann mache es Sinn. Lehrkräfte, Schulleitungen und Verwaltungsangestellte seien nicht für die Durchführung, Registrierung oder Überprüfung der Tests verantwortlich. OP-Masken für alle, nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer. Alle seien sich einig: Der größtmögliche Gesundheitsschutz der gesamten Schulfamilie müsse immer an oberster Stelle stehen.

Redaktion

Bayreuth: Trotz Ausreißer der Corona-Werte: Schulen öffnen

14:29
14.03.2021
Es ist keine leichte Entscheidung, aber sie gilt: Am Montag kommen wieder deutlich mehr Schüler in die Schulen in der Stadt und auch im Landkreis – zumeist im Wechselunterricht. Nachdem am Samstag die Sieben-Tages-Inzidenz-Werte deutlich über 100 gelegen hatten für Stadt wie Landkreis, sanken sie am Sonntag wieder. Die Schulen machen in jedem Fall auf. Möglicherweise wird im Laufe der Woche neu bewertet.

Bayreuth - Es war am Freitag ein Ritt auf der Rasierklinge: Die Sieben-Tages-Inzidenz von 97,9 in der Stadt und 99,4 im Landkreis lag hauchdünn unter der magischen Zahl 100, die eine Schulöffnung um eine weitere Woche im Landkreis verschoben hätte. Deshalb am Freitag die Entscheidung des Staatlichen Schulamts wie von Oberbürgermeister Thomas Ebersberger (CSU) und Landrat Florian Wiedemann (FW): Die Schulen machen wieder auf. Der Samstag und der Sonntag sorgen für eine Achterbahnfahrt der Werte – und einige Gespräche.


Samstags-Werte steigen deutlich über 100
Am Samstag gehen die Werte, die das Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung stellt, nach oben: In der Stadt auf 112,3, im Landkreis auf 109. Werte, die – wenn es Freitags-Werte wären – eine Öffnung der Schulen eigentlich nicht vorsehen würden, „mit Ausnahme der Abschlussklassen, die inzidenzunabhängig sind“, wie die stellvertretende Leiterin der Staatlichen Schulämter für Stadt und Landkreis, Petra Rauh, am Sonntag auf Anfrage des Kuriers unterstreicht. „Das Problem aber ist: Wir sind an die Freitags-Inzidenzen gebunden.“ Man brauche da einfach eine Entscheidungsgrundlage, wie auch der Schulamtsdirektor Werner Lutz am Kurier-Telefon sagt, die Verlässlichkeit für die Eltern, die Schüler, die Schulen und die Lehrer gleichermaßen bringe. Die hätten sich „zu 100 Prozent darauf eingestellt, dass am Montag in den Schulen etwas stattfindet. Die Entscheidung am Freitag gilt für die Folgewoche.“

Eltern sorgen sich
Gleichwohl laufen in vielen Chat-Gruppen der Klassen am Wochenende die Handy-Bildschirme heiß: Eltern machen sich Sorgen. Sorgen wegen einer Infektionsgefahr ihrer Kinder, wenn jetzt, zwei Wochen vor den Osterferien, der große Schülerverkehr wieder einsetzt. Ein Punkt, der die Stadträte Thomas Bauske (SPD), Christopher Süss (JB) und Frank Hofmann (BG) zu einem Schreiben an Oberbürgermeister Thomas Ebersberger veranlasst, „die morgige Schulöffnung zu überdenken“, wie sie am Sonntag an Ebersberger in einem Brief schreiben, der dem Kurier vorliegt. Die Inzidenzwerte vom Samstag seien „besorgniserregend“, zudem steige die Inzidenz bei unter 15-Jährigen stark an.

Telefonischer Austausch mit Ebersberger
Ein Blick nach Italien zeige: Dort starte der dritte Lockdown, auch in Bayreuth bestehe die Gefahr, dass wieder eine Ausgangssperre verhängt werde. „Vielleicht dramatisieren wir die Lage, aber ein Öffnen unter stetig steigenden Zahlen scheint uns nicht der richtige Weg“, heißt es in dem Schreiben weiter. Man müsse Sorgen der Eltern verstehen, „zum einen im Sinne unserer Kinder, zum anderen stecken die Kinder mitunter ihre Eltern und andere Familienangehörige an“. Thomas Bauske sagt im Kurier-Gespräch, dass er sich bereits am Samstag mit Ebersberger telefonisch darüber ausgetauscht habe, als die steigenden Werte bekannt geworden waren.

Sonntag sinken die Werte wieder
Die Situation ändert sich am Sonntag: Nach Stunden des Wartens, weil die Aktualisierung der RKI-Zahlen bis mittags dauert, rutscht der Wert für die Stadt auf 88,7 und im Kreis auf 90,9. Oberbürgermeister Thomas Ebersberger sagt am Sonntag auf Anfrage, dass er sich mit Landrat Wiedemann im intensiven telefonischen Austausch befinde. Und dass man auf Basis der am Freitag getroffenen Entscheidung die Öffnung der Schulen laufen lasse, „weil es keine erkennbare Tendenz gibt, dass sich die Zahlen explosionsartig ändern“. Was aber nicht bedeute, dass man keine Option habe, im Lauf der Woche nachzusteuern, wie Ebersberger – ähnlich wie auch die Schulräte Lutz und Rauh – sagt: „Wir beobachten die Zahlen sehr genau und behalten uns vor, nach dem Mittwoch eine andere Verfügung zu treffen.“ Bedeutet: Steigen die Zahlen wieder an, könnten die Schulen auch schnell wieder in den Distanzunterricht gehen. Was Ebersberger deutlich macht: Entscheidungen werden nicht „aus dem Bauch raus getroffen“, sondern auf Basis der Vorgaben. Und mit dem Ziel, die Bildungsregion der Schulen in Stadt und Land einheitlich zu behandeln.

Wiedemann: Planbarkeit ist wichtig
Das habe auch „mit Planbarkeit und Verlässlichkeit zu tun“, sagt Landrat Florian Wiedemann im Kurier-Gespräch. Für alle Beteiligten. „Der Freitags-Wert zählt“ – auch wenn man es hier mit starren Werten zu tun habe, die sehr knappe Entscheidungen bedingen könnten. „Explodieren die Zahlen, dann kann und muss man natürlich reagieren“, sagt Wiedemann. Wie Ebersberger sagt, man könne „momentan nur ein Abwägen von Nachteilen machen“, sagt Wiedemann, dass er als – ehemaliger – Lehrer wisse, wie wichtig es für die Kinder sei, wieder in die Schule zu kommen. Das sehe auch das RKI so: „Aus Infektionsschutzgründen plädiert man zwar zum Schließen der Schulen, sieht aber auch die anderen wichtigen Komponenten.“ Dass Schüler nicht abgehängt werden, die soziale Benachteiligung nicht steige.

Unterrichtsbefreiung geht formlos
Es gebe, sagen die Schulräte, OB und Landrat, für alle Eltern, die Bedenken haben, ihr Kind zur Schule zu schicken, derzeit die Möglichkeit, die Kinder vom Unterricht befreien zu lassen. „Dafür reicht ein formloser Antrag an die Schulleitung“, wie Wiedemann sagt. „Da wird es kein Hin und Her geben. Das liegt in der Selbsteinschätzung der Eltern“, wie Lutz sagt.

Eric Waha