Letztes Update:
20210621175515

Delta bedroht den Präsenzunterricht

17:54
21.06.2021
Kaum ein Thema hat die Gemüter in den Familien im Lockdown so erhitzt wie Homeschooling, Maskenpflicht für Kinder, E-Learning. Vorbei ist es damit noch nicht unbedingt.

Berlin - Schülerinnen und Schüler in Deutschland müssen sich möglicherweise auch im Herbst teilweise auf Homeschooling einstellen - im Fall von neuen größeren Corona-Ausbrüchen. Der Grund für die unklare Perspektive ist vor allem die riskantere Delta-Variante.

Unklar ist, wie sich der Fernunterricht zuletzt auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler ausgewirkt hat. Wenig Licht und viel Schatten gab es durch das Homeschooling einer neuen Studie zufolge beim ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020. Manche Schülerinnen und Schüler konnten sich damals aber auch teils verbessern. Welche Resultate das Homeschooling mit seinem dann vielfach stärker eingespielten Online-Unterricht im jüngsten Lockdown vom vergangenen Winter und Frühling hatte, ist demnach aber noch offen.

PRÄSENZ HAT PRIORITÄT:


In einem sind sich der Gesundheitsminister und die Kanzlerin, der Bund und die Länder einig: Präsenzunterricht sollte die Regeln sein - auch wenn die Pandemie noch nicht vorbei ist und die gefährlichere Delta-Variante des Virus um sich greift. "Geöffnete Schulen haben eine ganz hohe Priorität", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Es sei sehr zu wünschen, dass nach den Ferien wie vorgesehen überall wieder Präsenzunterricht möglich sei. Aber: Komplett vorauszusehen sei die Entwicklung nicht. "Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass es lokal zu größeren Infektionsausbrüchen kommt, auf die dann auch zu reagieren wäre." Siehe Großbritannien und Portugal: Auch bei sehr positiver Entwicklung könne die Delta-Variante wieder zahlreiche Infektionen mit sich bringen, sagte Seibert.


Auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt, Deutschlands Schulen und Kindergärten in der Pandemie offen zu halten und so Präsenzunterricht für alle Schüler zu ermöglichen - die Öffnungen sollten aber von "geeigneten Schutzmaßnahmen" begleitet werden. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), hatte sich im "Tagesspiegel" (Montag) bereits gegen frühzeitige Festlegungen auf neue Einschränkungen des Regelunterrichts ausgesprochen.




WECHSEL BLEIBT MÖGLICH:

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte für Aufregung gesorgt mit der Vorhersage, dass trotz derzeit sehr niedriger Inzidenzen im Herbst und Winter voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig seien. Allerdings - so Spahn am Montag - sei es eines der Hauptziele, das normale Schulleben so lange wie möglich zu bewahren. Es sei auch möglich, nach den Sommerferien ohne Wechselunterricht zu starten und ihn zu vermeiden. Wie? Impfungen für Kinder ab zwölf Jahre nach individueller Entscheidung, regelmäßige Tests und je nach regionalen Infektionszahlen Masken - das nannte Spahn als mögliche Absicherungen für Präsenzunterricht. Doch: "Wir müssen auf alles vorbereitet sein."

Die Bundesregierung verwies zudem auf ein Mitte Juni gestartetes Förderprogramm für den Einbau von Luftfilteranlagen in Kitas und Schulen, in denen Kinder bis zwölf Jahre betreut werden. Der Bund übernimmt bis zu 80 Prozent der Kosten.

WIRKUNGEN DES FERNUNTERRICHTS IM ERSTEN LOCKDOWN:

"Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien." Das ist laut dem Frankfurter Pädagogen Andreas Frey das Ergebnis einer Studie zum Distanzunterricht im Frühjahr 2020. Die Forscherinnen und Forscher hatten internationale Studien zusammengefasst. Besonders stark sind Kompetenzeinbußen demnach bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Elternhäusern. "Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet", sagte Frey. Besonders bei jüngeren Schülerinnen und Schülern gingen die Leistungen nach unten.

SCHULLEISTUNGEN IM EINZELNEN:

Die meisten der untersuchten internationalen Studien stellten negative Effekte auf mathematische Leistungen fest, einige allerdings auch positive. Deutlicher ist das Ergebnis noch bei den Leistungen beim Lesen - auch wenn hier von einzelnen positiven Folgen der Schulschließungen berichtet wurde. Schülerinnen und Schüler mit insgesamt schlechteren Leistungen waren von den Schulschließungen eher bei Mathematik negativ betroffen - jene mit sonst besseren Leistungen eher beim Lesen. Für Französisch und Naturwissenschaften fanden Forscherinnen und Forscher größere Negativeffekte - für die Politik und Gesellschaftskunde geringere.

POSITIVE EFFEKTE DES FERNUNTERRICHTS:

Insgesamt profitierten leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler aber teilweise auch vom Homeschooling - dies könne damit zu erklären sein, dass sie sich beim Lernen daheim weniger gestört fühlten, so die Frankfurter Erhebung. Ein zentraler Punkt bei der Studie: Untersucht wurde die Leistung der Schülerinnen und Schüler zur Zeit des ersten Lockdowns 2020 - nicht während des Winter- und Frühjahrslockdowns 2020/21. Offenbar spielte der Einsatz von Lernsoftware im ersten Lockdown noch keine so große Rolle.

"Positive Effekte von coronabedingten Schulschließungen auf die Leistung in Onlinelernprogrammen könnte aufgrund des zugenommenen Gebrauchs dieser Software aufgetreten sein", so die Studie. Die Wissenschaftler riefen die Verantwortlichen dazu auf, vor allem Schülerinnen und Schüler, die Gefahr laufen, beim Homeschooling nicht so gut mitzukommen, mit guten Materialien zum Online-Lernen auszurüsten.

dpa

Noch ein Corona-Haushalt: Bund will auch 2022 mehr Schulden

17:53
21.06.2021
Die noch amtierende Bundesregierung legt noch einmal einen Haushaltsentwurf vor. Die Hauptbotschaft: Die Finanzen sind im Griff. Nach der Wahl werden die Karten neu gemischt.

Berlin - Zusätzliches Geld für Gesundheit, Pflege, Unternehmen, Klimaschutz und Verteidigung: Der Bund will im kommenden Jahr auch vor dem Hintergrund der Corona-Krise mehr neue Schulden machen als bisher geplant.

Konkret ist eine Nettokreditaufnahme von 99,7 Milliarden Euro vorgesehen - bisher geplant waren 81,5 Milliarden Euro. Die höheren Schulden seien nicht nur notwendig, sondern auch gerechtfertigt, hieß es am Montag aus dem Bundesfinanzministerium in Berlin. Erneut soll 2022 die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse ausgesetzt werden - ab 2023 soll sie aber wieder eingehalten werden.


Das Bundeskabinett will den Haushaltsentwurf an diesem Mittwoch beschließen. Verabschiedet wird der Etat dann aber vom neuen Bundestag, der Ende September gewählt wird. Insofern kann es noch zu deutlichen Änderungen kommen.


Der Regierungsentwurf sieht Investitionen von rund 51,8 Milliarden vor, bei Gesamtausgaben von 443 Milliarden Euro. Fast 100 Milliarden Euro neue Schulden sollen gemacht werden, damit ist es der dritte Corona-Haushalt. 2020 lag die Nettokreditaufnahme bei rund 130,5 Milliarden Euro, 2021 bei rund 240 Milliarden Euro.


Die höhere Nettokreditaufnahme für 2022 als in den im März vorgelegten Eckwerten hat mehrere Gründe. Sieben Milliarden Euro zusätzlich gehen an den Gesundheitsfonds, um den Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren. Im Finanzministerium geht man davon aus, dass dies reicht - es gibt aber auch andere Stimmen. Für die Pflegeversicherung gibt der Bund einen Zuschuss von jährlich eine Milliarde Euro. Ziel ist es, die Sozialversicherungsbeiträge unter 40 Prozent zu halten, die Wirtschaft sieht dies als kritische Marke.




Daneben gibt es noch einmal drei Milliarden mehr für Wirtschaftshilfen und mehr Geld für den Klimaschutz. Die Bundesregierung will Klimaziele anheben und hatte dazu auch einen "Klimapakt" über acht Milliarden Euro beschlossen, um etwa neue Technologien zu fördern - dabei handelt es sich aber auch um Gelder aus Programmen, die nicht ausgeschöpft wurden. Zusätzliches Geld ist auch für die Verteidigung geplant - Grund sind Rüstungsprojekte, welche die schwarz-rote Koalition auf den Weg bringen will. Zugleich sollen auch die Entwicklungsausgaben steigen.

Die Botschaft aus dem Finanzministerium lautete am Montag: "Wir haben die Finanzen fest im Griff." Und dies trotz der umfangreichen Corona-Hilfsprogramme, mit denen die Folgen der Krise für Firmen und Jobs abgefedert worden seien. Der Arbeitsmarkt sei stabil, es sei keine Insolvenzwelle zu erwarten. Die Schuldenquote sei geringer als nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise vor mehr als zehn Jahren, die Finanzpolitik seriös und verlässlich - das ist auch eine der Botschaften, mit der SPD-Kanzlerkandidat und Finanzminister Olaf Scholz in den Wahlkampf ziehen dürfte.

Nach der Wahl aber werden die Karten neu gemischt. Eine der zentralen Fragen lautet: wie geht es weiter mit der Schuldenbremse, nach der nur eine geringe Nettokreditaufnahme möglich ist? Nur mit dem Einsatz milliardenschwerer Mittel aus der Rücklage kann der Bund sie laut Finanzplan ab 2023 einhalten.

Die Grünen etwa wollen eine Reform der Schuldenbremse, um mehr Investitionen in den Klimaschutz oder die Infrastruktur zu ermögliche, die Union lehnt das ab. Umstritten ist auch, ob Vermögende mehr Steuern zahlen sollen, wie es zum Beispiel die SPD will.

Und die Union geht mit dem Versprechen in den Wahlkampf, Unternehmen bei der Steuerlast zu entlasten. Wie das genau finanziert werden soll, ist unklar. CSU-Chef Markus Söder kündigte am Montag einen "Kassensturz" nach der Wahl an. Das Vertrauen in Scholz habe gelitten. Erst danach könne man entscheiden, welche Pläne aus dem Programm wann und wie umgesetzt werden.

Der Unions-Chefhaushälter im Bundestag, Eckhardt Rehberg, sagte, insbesondere die weiter steigenden Zuschüsse an die Sozialversicherungen und die Transfers an Länder und Kommunen müssten eingedämmt werden. Der Grünen-Haushaltspolitiker Sven-Christian Kindler sagte, Deutschland müsse viel mehr in die Zukunft investieren, vor allem in den Klimaschutz.

Die finanziellen Spielräume sind aber beschränkt, sollte es zu keiner Reform der Schuldenbremse kommen - oder es tut sich etwas auf der Einnahmen- und Ausgabenseite, sprich: Steuererhöhungen oder Kürzungen. Dazu kommt, dass es laut Regierungsentwurf für das Jahr 2025 einen "Handlungsbedarf" von 6,2 Milliarden Euro gibt - man könnte auch von einem "Haushaltsloch" sprechen. Immerhin wurde dieses gegenüber den Eckwerten um zwei Drittel verringert, wie es im Finanzministerium hieß. Ein Grund dafür sei auch, dass die jüngste Steuerschätzung nicht so schlecht gewesen sei wie befürchtet. Die Haushaltslage könnte dennoch angespannt werden in den kommenden Jahren. Denn ab 2023 sollen die in der Corona-Krise neu aufgenommen Schulden getilgt werden - Kosten: rund 2 Milliarden Euro jährlich.

dpa