Berlin - In die schleppenden Corona-Impfungen soll endlich mehr Schub kommen. Viele warten darauf nach dem Frust über knappen Impfstoff und überlastete Termin-Hotlines. Den Durchbruch bringen sollen größere Liefermengen, die Einbeziehung der Praxen und Änderungen der Impfverordnung.
Bei den Hausärzten soll es möglichst Anfang April losgehen. Genauer Termin noch offen. Denn die Umstellung fällt Bund und Ländern nicht ganz leicht. Ein Überblick:
Wer gibt den Startschuss für die Praxen?
Das ist jetzt Chefsache von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. Regierungssprecher Steffen Seibert nannte zwei Fragen: "Wann ist genau der Übergang in die Arztpraxen zu organisieren, und was ist dabei praktisch zu beachten?" Beides sollen Merkel und die Länderchefs "sehr zeitnah" auf Basis einer Empfehlung der Gesundheitsminister festlegen - und zwar noch vor der nächsten anstehenden Corona-Runde am 22. März.
Warum tun sich die Länder schwer mit der Entscheidung?
Schwierig zu klären ist: Wie viel Impfstoff soll noch für die regionalen Impfzentren reserviert werden, die die Länder für die erste Impfphase hochgezogen haben? Und wie wird sichergestellt, dass nicht Menschen noch Einladungen in die Zentren bekommen, wenn sie längst von ihrem Hausarzt geimpft sind? "Je nachdem wann der Übergang erfolgt, kann er am Anfang mit kleinen Mengen für die Arztpraxen verbunden sein", erläuterte Seibert.
Warum wurde nicht von Anfang an in den Praxen geimpft?
Weil der Impfstoff teils sehr empfindlich ist und anfangs sehr rar war. So muss das Mittel von Biontech und Pfizer stark gekühlt werden. Dennoch kann er nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) auch in Praxen verimpft werden, weil er 120 Stunden bei Kühlschranktemperaturen lagerfähig ist. Geimpft wurden am Anfang generell vor allem Über-80-Jährige und Beschäftigte und Bewohner von Pflegeheimen, weitere Gruppen rückten nach. Und bei knappem Impfstoff könnte sich mancher Arzt gegenüber "seinen Patienten" mit der korrekten Impfreihenfolge schwer tun, hatte der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, erläutert.
Wo steht Deutschland beim Impfen aktuell?
Bis Dienstag wurden laut Gesundheitsministerium 12,5 Millionen Impfdosen ausgeliefert und knapp 8,2 Millionen Dosen gespritzt. Knapp 5,6 Millionen Personen bekamen mindestens eine erste Impfdosis, 2,6 Millionen davon bereits beide nötigen Dosen. Gespritzt werden die Produkte von Biontech/Pfizer, Astrazeneca und Moderna. Immer mehr Bundesländer impfen nun aber auch schon mehr oder weniger umfangreich Lehrkräfte, Erzieherinnen oder Polizisten. Mertens warnte, so könnten Schwächste und Gefährdetste erstmal leer ausgehen. Zum Beispiel in Baden-Württemberg, wo Lehrer bereits geimpft werden könnten, gelten neuerdings auch Über-70-Jährige als impfberechtigt.
Wie viel Impfstoff kommt demnächst?
Von Biontech/Pfizer sollen es laut Ministerium von Anfang nächster Woche bis Ende März 3,23 Millionen Dosen sein, von Astrazeneca von diesem Donnerstag bis Ostern 2,54 Millionen Dosen und von Moderna bis Ostern 1,1 Millionen Dosen. Biontech und Pfizer wollen in den nächsten beiden Wochen vier Millionen Dosen Corona-Impfstoff extra an die EU liefern - auch Deutschland hat eine Option auf einen Teil.
Wie groß ist die Kapazität zum Impfen überhaupt?
In den vergangenen sieben Tagen wurden rund 1,8 Millionen Dosen gespritzt - allein am Dienstag 237.000. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) hatte Anfang der Woche schon von der Möglichkeit von zehn Millionen Impfungen pro Woche gesprochen. Die Bundesregierung dämpfte solch hohe Erwartungen nun aber erstmal wieder. So hoch würden die Mengen nicht gleich im April wachsen, erläuterte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im ZDF. Realistisch sei das eher für Juni, sagte Seibert. Im April soll die Impfkampagne aber schon deutlich Fahrt aufnehmen.
Was soll das Impfen in den Praxen bringen?
Schub - und das unbürokratisch. Mehr als 70.000 Praxen in der ganzen Republik haben Erfahrung mit Impfungen gegen anderen Erreger. Die Impfzentren können laut KBV rund 550.000 Impfungen pro Tag leisten, das wären in 7 Tagen knapp vier Millionen. Die Praxen könnten rund fünf Millionen pro Woche schaffen, so die KBV. Kassenärzte-Chef Andreas Gassen hatte darauf hingewiesen, dass für die Verbreitung des Virus die Priorisierung zweitrangig sei - wichtig sei, dass viele geimpft würden.
Wie soll das Impfen in den Praxen funktionieren?
Dafür gibt es eingespielte Abläufe. Großhändler sollen die Impfstoffe in Apotheken liefern, von wo sie in die Praxen gebracht werden. Die Ärztinnen und Ärzte sollen anhand der Priorisierungsempfehlungen selbst entscheiden.
Ändert sich noch mehr?
Ja. Eine neue Impfverordnung von Spahn tritt rückwirkend zu Montag in Kraft. Dann kann der Astrazeneca-Impfstoff, der zunächst mangels ausreichender Daten zu Älteren bisher Jüngeren vorbehalten war, nun allen über 18 gespritzt werden. In Sachsen, Bayern, dem Saarland und gegebenenfalls weiteren Länder können in Corona-Hotspots an der Grenze alle geimpft werden, jenseits aller Priorisierungen, um so eine Art Schutzriegel von Geimpften zu schaffen. Und es soll in geringerem Umfang Impfstoff für die Zweitimpfung zurückgelegt werden.