Letztes Update:
20210614163656

16:34
14.06.2021
Vor einem Jahr im Landkreis Gütersloh: Nach einer Vielzahl von Corona-Infizierten im Schlachtbetrieb Tönnies wird der Betrieb dicht gemacht, Kitas und Schulen müssen schließen. Eine Bilanz.

Rheda-Wiedenbrück - Mitte Juni vor einem Jahr: Nach dem massenhaften Ausbruch des Coronavirus unter den Beschäftigen des Schlachtbetriebs Tönnies zieht der Kreis Gütersloh die Reißleine.

Alle 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in Quarantäne, Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) macht den Laden vorübergehend dicht. Bis zu den Sommerferien dürfen auch Kitas und Schulen nicht mehr öffnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis steigt in Richtung 300. Urlaubsregionen in Deutschland machen die Schotten dicht, Menschen aus der Region sind nicht mehr willkommen. Was ist seitdem passiert? Ein Überblick in verschiedenen Kategorien:


JUSTIZ I:


Nach etwa 50 Anzeigen gegen die Tönnies-Geschäftsführung - darunter auch Clemens Tönnies - ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Dabei geht es um fahrlässige Körperverletzung und Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz. Nach Angaben von Sprecher Moritz Kutkuhn sind die Ermittlungen (Stand Mitte Juni 2021) noch nicht abgeschlossen.


TÖNNIES:

Mitte Mai 2020 hatte Marktführer Tönnies die ersten Corona-Fälle, Anfang Juni gingen die Zahlen dann steil nach oben. "Der Ausbruch in unserem Werk war einfach zu früh. Im Juni haben doch alle geglaubt, Corona sei unter Kontrolle. So haben wir dann ein paar Monate vor allen anderen erlebt, was in der zweiten und dritten Welle überall in Deutschland passiert ist", sagt Gereon Althoff, der bei Tönnies das Qualitätsmanagement und Veterinärwesen leitet. "Wir konnten uns bei den Infektionszahlen im Unternehmen in der zweiten und dritten Welle dann von denen in der Allgemeinbevölkerung entkoppeln." Das Konzept: Zwei Tests pro Woche pro Mitarbeiter per PCR. "Wer positiv ist, wird erkannt, bevor er überhaupt Symptome hat. So können wir Infektionsketten durchbrechen und haben bei uns keine Dunkelziffer", sagt Althoff der Deutschen Presse-Agentur.

Mängel sieht das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium noch bei der Umsetzung des Abstandsgebotes in den Unternehmen sowie beim Tragen des Mund-Nasen-Schutzes. Hier seien bei Kontrollen wiederkehrend Verstöße entdeckt worden.

AEROSOLE:

Im Mai habe man gelernt, dass Aerosole das Problem sind, sagt Althoff. "Dieses Phänomen der Übertragung über die Lüftung war bis dato keinem Experten bekannt – uns leider auch nicht." Heute werde in den Produktionsräumen alle zehn Minuten die komplette Luft durchgefiltert, für die Luftfilter wurden Althoff zufolge Millionen ausgegeben. Erste Hinweise auf die Problematik hatte Tönnies nach eigenen Angaben bei einem begrenzten Infektionsgeschehen in der Rinderzerlegung im Mai. "Wie in einem Laborversuch konnte man letztendlich nachvollziehen, was da passiert war."

ARBEITER:

Die Bundesregierung hat mit Beginn des Jahres 2021 Werksverträge in Kernbereichen der Branche verboten. Bis Ende 2020 stockten daher die großen Firmen Tönnies (7,3 Milliarden Euro Umsatz 2019), Vion (5,1) und Westfleisch (2,8) ihre Stammbelegschaft um insgesamt rund 12.300 Mitarbeiter auf. Anfang Juni vermeldeten Gewerkschaft und Fleischindustrie die Einigung auf einen Mindestlohn. Die Lohnuntergrenze liegt bei 10,80 Euro und soll bis 1. Dezember 2023 auf 12,30 Euro angehoben werden. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,50 Euro und steigt bis zum 1. Juli 2022 auf 10,45 Euro.

JUSTIZ II:

Wegen der Schließungsverfügung für das Werk in Rheda-Wiedenbrück war der Tönnies-Konzern vor das Verwaltungsgericht Minden gezogen. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin liegt derzeit (Stand Juni 2021) noch keine Klagebegründung vor. Um diese einzureichen, hatte Tönnies weitere Akteneinsicht in die Verwaltungsvorgänge des Kreises beantragt.

JUSTIZ III:

Zwischen der Fleischindustrie und dem Land hatte sich ein Streit um die Erstattung von Verdienstausfall entwickelt. Das Gesundheitsministerium hatte den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) angewiesen, entsprechende Anträge abzulehnen. Laut Infektionsschutzgesetz können Betriebe Entschädigungen beantragen, wenn die Unternehmen durch die Behörden geschlossen wurden. Daraufhin erreichte die Verwaltungsgerichte eine Klagewelle. In Minden und Münster sind es den Angaben nach jeweils mehrere Hundert Fälle. Um der Masse der Verfahren Herr zu werden, einigten sich die Beteiligten in Minden auf ein Musterverfahren. In Münster wird derzeit sondiert und in Absprache mit den Unternehmen nach vergleichbaren Fällen gebündelt.

INFEKTIONSZAHLEN:

Was bundesweit für Aufregung sorgte, also eine hohe Sieben-Tage-Inzidenz mit Spitzen weit über 200 in der Region um den Schlachtbetrieb von Tönnies, gab es dann durchgehend in ganz Deutschland in der zweiten und dritten Welle. Haben die Behörden im Kreis Gütersloh also Mitte Juni 2020 zu heftig reagiert?

Das NRW-Gesundheitsministerium von Karl-Josef Laumann (CDU) weist das auf Nachfrage zurück. Die Verbreitung der Krankheit musste in Deutschland und weltweit so gut wie möglich verlangsamt werden. "Im Kreis Gütersloh lag der Wert am 22. Juni 2020 bei 315. Im Vergleich lag die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohnern im Kreis Bielefeld an diesem Tag bei 5,4 und in ganz NRW bei 12,6. Durch die Reduzierung von u.a. touristischem Reiseverkehr sollte die Verbreitung in andere Landkreise bzw. Bundesländer mit deutlich geringeren Infektionszahlen verhindert werden", teilte eine Sprecherin mit.

GEWERKSCHAFT:

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) macht weiter Missstände aus. "Viele Probleme sind nicht vom Tisch", sagte NGG-Vertreter Thorsten Kleile dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Einige alte Probleme bestehen fort, und die Übernahme tausender Beschäftigter von Subunternehmern bringt neue Probleme mit sich."

dpa

RKI registriert weniger als 1000 Neuinfektionen

16:34
14.06.2021
Zuletzt waren in Deutschland im September weniger als 1000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag registriert worden. Jetzt vermeldet das Robert Koch-Institut wieder eine dreistellige Zahl.

Berlin - Erstmals seit mehr als acht Monaten haben die Gesundheitsämter in Deutschland weniger als 1000 Neuinfektionen binnen eines Tages an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet.

So registrierte das RKI 549 neue Fälle, wie aus Zahlen vom Montagmorgen hervorgeht. Zuletzt war die Zahl der Neuinfektionen pro Tag am 21. September mit 922 dreistellig.

Vor einer Woche hatte der Wert bei 1117 Ansteckungen gelegen. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI am Montagmorgen mit bundesweit 16,6 an (Vortag: 17,3, Vorwoche: 24,3).

Deutschlandweit wurden den Angaben nach binnen 24 Stunden 10 neue Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 22 Tote.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3.715.518 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte aber deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit etwa 3.580.600 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, wird nun mit 89.844 angegeben.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht von Montagnachmittag bei 0,77 (Vortag: 0,82). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 77 weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

dpa

Experten warnen vor genereller Aufhebung der Maskenpflicht

12:58
14.06.2021
Soll die Maskenpflicht jetzt schon fallen, drinnen wie draußen? Gesundheitsminister Spahn ist für ein stufenweises Vorgehen, andere Politiker fordern die komplette Abschaffung. Experten sind skeptisch.

Eine generelle Aufhebung der Maskenpflicht in Deutschland könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern ein Wiederaufflammen der Pandemie nach sich ziehen.

"Wenn wir nach dem Wegfall der Testpflicht in vielen Situation nun auch noch die Maskenpflicht fallen lassen, sind wir im Grunde in einem ungestörten Leben wie vor der Pandemie", sagte Eberhard Bodenschatz vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen am Montag der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Virus aber sei noch da und wesentlich infektiöser durch Mutationen. "Warum soll die Pandemie dann nicht wiederkommen?".

Auch die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, hält es vorerst für wichtig, zumindest drinnen weiterhin Maske zu tragen. "Masken sind ein einfacher und wirksamer Schutz, vor allem in Innenräumen", so die Epidemiologin von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Es geht hier auch um den Schutz vor ansteckenderen neuen Varianten des Virus."

Appell an die Vernunft

Aerosolforscher Christof Asbach hält eine Entscheidung für die Abschaffung der Maskenpflicht im Freien für gut nachvollziehbar. In Innenräumen gehe es letztlich um die Frage, welches Risiko man akzeptieren möchte. "Die Wahrscheinlichkeit in Innenräumen auf einen Infizierten zu treffen, bleibt mit und ohne Maskenpflicht gleich", sagte der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung der dpa. "Das Risiko, sich anzustecken, ist ohne Maske natürlich höher." Er plädiere auch an die Vernunft der Menschen, sich unabhängig von Vorgaben in kritischen Situationen zu schützen.

Nach der weitgehenden Aufhebung der Maskenpflicht in Dänemark von Montag an ist auch in Deutschland eine Diskussion über den Sinn des Mund-Nasen-Schutzes entbrannt. Zunächst könne die Maskenpflicht draußen grundsätzlich entfallen, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag) gesagt. In Regionen mit sehr niedriger Inzidenz und hoher Impfquote könne die Pflicht auch drinnen nach und nach entfallen. FDP und AfD hatten zuvor die komplette Aufhebung der Maskenpflicht gefordert.

Warnung vor Delta-Variante

Nach Ansicht des Göttinger Forschers Bodenschatz steigt mit dem Wegfall der Testpflicht die Gefahr, einem hoch ansteckenden asymptomatischen Virusträger zu begegnen und etwa in Innenräumen höheren Viruskonzentrationen ausgesetzt zu sein, weil viele Infizierte nicht mehr erkannt würden. Mit dem Anstieg der Impfquote steige die Zahl der Neuinfektionen vielleicht langsamer, aber auch mit Blick auf die sich ausbreitende Delta-Variante sei mit einem neuerlichen Anstieg zu rechnen. "Ich bin gespannt, was passiert." Derzeit helfe das Wetter bei der Bekämpfung der Pandemie mit, weil bei der kühlen Luft am Morgen viel gelüftet werde. "Wenn es heiß wird, bleiben die Fenster oft zu. Das kann dann zum Problem werden, etwa auch in Schulen."

Niedersachsen hatte schon vor einigen Wochen damit geliebäugelt, die Maskenpflicht im Einzelhandel in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 fallenzulassen - und zog das Vorhaben nach breiter Kritik zurück. Aus Expertensicht war das auch gut so: "Frühestens, wenn wir Impfquoten von 70 bis 80 Prozent erreicht haben, könnte man darüber nachdenken", hatte der Virologe Friedemann Weber von der Uni Gießen Ende Mai der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Derzeit ist erst etwa ein Viertel der Bevölkerung vollständig geimpft.

"Wir haben immer noch eine Pandemie mit einem unklaren weiteren Verlauf unter anderem durch Virusvarianten", warnte Weber im Mai. Der Aufwand, Maske zu tragen, sei gering - der Gewinn für die Pandemie-Bekämpfung aber groß. Nach einer Studie des Virologen Christian Drosten liegt das Maximum der Virus-Ausscheidung ein bis drei Tage vor Beginn der Symptome. Der Infizierte merkt also noch gar nicht, dass er krank ist und andere anstecken könnte. Eine Maske kann da viel ungewolltes Ungemach verhindern.

Höhere Gefahr in Innenräumen

Unumstritten ist unter Experten, dass die Ansteckungsgefahr in Innenräumen meist deutlich höher ist als an der frischen Luft. Daher sollte die Maskenpflicht nach Meinung von Gerhard Scheuch, dem früheren Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, zuerst bei Outdoor-Aktivitäten wie etwa Zoobesuchen aufgehoben werden, bevor man den Einzelhandel wie kleine Souvenirläden angeht.

Auch in großen Theatern und Museen, Freibädern, Schwimm- und Sporthallen sei das Ansteckungsrisiko nicht so hoch, weil dort sehr viel Raum und Luft seien. "Da reicht die Aerosolkonzentration kaum aus, um andere zu gefährden." Doch auch dabei gibt es Tücken - denn selbst in vermeintlich Frischluft-durchfluteten Freibädern gibt es enge Umkleiden. "Da muss man schauen, dass die super belüftet sind."

Gerade in kleinen, engen, unbelüfteten Räumen sei die Gefahr am höchsten, sagte Scheuch Ende Mai. Als weiteres Beispiel nannte er Aufzüge. "Hier sind oft nur zwei bis vier Kubikmeter Luft. Wenn Leute drin sind, noch weniger." Schon während einer kurzen Fahrt könne man sich anstecken, auch wenn man alleine ist. "Die Wolke bleibt drin."