Viele Eltern warten derzeit gespannt, wie es in den letzten Wochen bis zu den Sommerferien an den Schulen weitergeht. Ob sich tatsächlich noch etwas verändert. Nachdem in Schleswig-Holstein seit gestern wieder alle Grundschüler täglich ohne Abstand im Klassenverband unterrichtet werden, denken auch andere Bundesländer über eine schnelle Öffnung für alle nach. In Sachsen-Anhalt soll es beispielsweise nächste Woche soweit sein. Manche Länder sind noch in der Überlegungsphase, ob noch vor oder erst nach den Ferien wieder im Klassenverband unterrichtet wird. In Hessen stehen die Chancen nicht schlecht, dass es noch vor den Sommerferien wieder täglichen Unterricht gibt, heißt es aus Lehrerkreisen. Auch wenn die Lehrer dem mit gemischten Gefühlen entgegensehen. Sich fragen, warum sie in den letzten Wochen „so einen Aufriss“ starten mussten. Die Arbeit sei derzeit jedenfalls in der bisherigen Form schwer zu managen, berichtet mir eine Lehrerin aus Hessen. Das Konzept der stundenweisen Beschulung verschiedener Klassengruppen an einem Tag, das viele Schulen gewählt haben, erfordere mehr Organisation als erwartet. Zudem gebe es noch immer viele Familien, deren Kinder gar nicht zuhause arbeiten. Hier seien Gespräche, Briefe und viel individuelle Unterstützung gefragt. Ein Überblick darüber, welche Schüler bis wann welche Hausaufgaben zu erledigen haben, sei zudem gerade jetzt, in Wochen mit Feiertagen, nur schwer möglich. Denn durch die Feiertage würden Schultage verschoben oder fallen ganz aus. Dann müssten schon in der Vorwoche alle Arbeiten für das Homeschooling mit nach Hause gegeben werden. Organisation rund um die Uhr. Ich muss gestehen: Auch ich muss mir inzwischen aufschreiben, welches unserer Kinder wann und wie lange Schule hat, ich habe anfangs sogar notiert, durch welchen Eingang unser Nachwuchs die jeweilige Schule betreten und verlassen darf, um morgens nochmal daran zu erinnern, nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen und gar den Haupteingang zu benutzen. Und an nicht wenigen Tagen trudeln täglich mehr als zehn Mails der verschiedenen Schulen ein, die über irgendwelche Neuerungen oder Entscheidungen informieren. Mal muss zudem über eine Klassenlektüre abgestimmt werden und mal informiert der Elternbeirat über Neuigkeiten aus dem Kultusministerium. Die Lehrerin, mit der ich spreche, hat in ihrer Klasse neben Tätigkeiten rund um die Elterninfo und Hausaufgaben-Organisation noch einen Sonderfall: Ein Kind mit einer Hörbehinderung. Deswegen kann sie als Lehrkraft keinen Mundschutz tragen. Das Kind sei darauf angewiesen, die Lippen zu sehen, weil es viel davon ablese. Die Mitschüler nutzen zum Sprechen in der Klasse zudem normalerweise ein Mikrofon. So kann das Kind mit der Hörbehinderung auch die Klassenkameraden verstehen, wenn diese sich melden. Ein Mikrofon darf jedoch in diesen Zeiten nicht herumgereicht werden. Und es sind überhaupt nicht genügend Exemplare vorhanden, um jeden Schüler mit einem Mikro auszustatten. Die Lehrerin unterrichtet allein, einen Integrationshelfer gibt es nicht. Sie nutzt deshalb ein Visier, um dem betroffenen Kind eine freie Sicht auf die Lippen zu ermöglichen. Langer Rede, kurzer Sinn: Flexibel bleiben, das müssen in diesen Zeiten Lehrer
und Eltern.
Eva Baumgartner