Letztes Update:
20220314160107

Tag 334

08:07
10.02.2021
Wir entdecken auf der Internetseite eines Nachrichtensenders einen Artikel, der eine App für das Smartphone vorstellt: Mit diesem Programm, so der Entwickler desselben, kann der Katzenhalter das Miauen seines Haustieres übersetzen lassen - frei nach dem Motto „Was will uns diese Katze sagen?“ Trotz meines nachdenklichen Gesichts sind die Kinder sofort Feuer und Flamme. Wir laden also das Programm herunter und müssen nun das Miauen unseres Katers per Klick auf dem Handy aufnehmen. So oft wie möglich. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz übersetzt die App dann Katzensprache in menschliche Wörter - verspricht zumindest der Ingenieur der App, der für Amazon bereits an der Alexa-Spracherkennungs-Software mitgewirkt haben soll. Die Realität sind bei uns nicht ganz so wissenschaftlich aus: Mit dem Smartphone verfolgen wir den Kater nun auf Schritt und Tritt, um ja keinen Ton zu verpassen. Er ist auf den ersten Blick auch ein idealer Proband: Er miaut oft, er schnurrt, und manchmal haben wir sogar das Gefühl, er steckt im falschen Körper, da er oft „Mäh!“ schreit, was eher an ein Schaf als an eine Katze erinnert. Tatsächlich hat die App auch auf jedes Geräusch, das er von sich gibt, einen Übersetzungsvorschlag. Das neugierig-schnuppernde Reiben am Handy interpretiert das Programm beispielsweise als „Mein Schatz, hier bin ich“. Mein Mann bricht in schallendes Gelächter aus: „Der will fressen“, kommentiert er nüchtern. Doch wir geben nicht auf. Die App erklärt weitere Laute so: „Mir ist langweilig“, „ich will schlafen“ (dabei streicht der Kater merkwürdigerweise um unsere Beine) oder „ich bin glücklich“. Wir stellen fest: Entweder stimmt etwas mit der App nicht oder unser Kater ist vielleicht doch eher ein Schaf im Katzenpelz und völlig ungeeignet, im Dienste der Wissenschaft die Katzen-Kommunikation zu entschlüsseln. Wir beschließen letztlich, unserem Gefühl zu vertrauen. Und das sagt uns seit Jahren, dass unser Kater entweder Hunger hat oder schlafen will. Weitere Möglichkeiten gibt es in seinem Leben nicht. Weil es den Kindern aber Freude bereitet, machen wir weiter. Im Dienste der Wissenschaft - oder auch, um die Tage im Corona-Lockdown zu verkürzen.

Eva Baumgartner

Tag 333

10:02
09.02.2021
Alle sitzen fast entspannt an ihren Schularbeiten, als heute laute Bohrgeräusche das Haus erzittern lassen. Das Wummern kommt aus dem Zimmer, in dem mein Mann sein Homeoffice eingerichtet hat. Schon seit fast einem Jahr arbeitet er dort, Tag für Tag. Nach und nach hat er den Raum aufgerüstet: ein besserer Bildschirm, eine zusätzliche Lichtquelle, zuletzt einen Schreibtischstuhl, von dem er keine Rückenschmerzen bekommt. Doch heute ist offenbar Schluss. So richtig. Nach fast einem Jahr sieht es nämlich so aus, als möchte mein Mann kein Not-Büro mehr. Er hat offenbar akzeptiert, dass dieser Raum noch für eine ganze Weile das einzige Büro sein wird, das es derzeit für ihn gibt. Deshalb kommt die Bohrmaschine zum Einsatz. Als wir ins Zimmer stürzen (es hätte ja auch sein können, dass der Homeoffice-Frust so groß geworden ist, dass dieses Zimmer kleinteilig zerlegt wird), sind wir erleichtert. Alles ist noch ganz. Und sogar sehr hübsch geworden. Denn mein Mann hängt Bilder auf. Und den neuen Kalender (es ist immerhin schon Februar), der eigentlich die Wand des Büros zieren sollte, in dem er lange Jahre saß - vor Corona. Jetzt macht er es sich hier gemütlich. Inmitten von vier Kindern, die hier täglich Schulaufgaben machen. Von einer Frau, die sich auch noch ein Eckchen für ihr Büro erkämpft hat. Wie lange der Zustand noch andauert, das kann niemand sagen. Deshalb schnappe ich mir die Blumenvase vom Esstisch und stelle sie auf meinen Schreibtisch. In mein Büro. 

Eva Baumgartner