Wir entdecken auf der Internetseite eines Nachrichtensenders einen Artikel, der eine App für das Smartphone vorstellt: Mit diesem Programm, so der Entwickler desselben, kann der Katzenhalter das Miauen seines Haustieres übersetzen lassen - frei nach dem Motto „Was will uns diese Katze sagen?“ Trotz meines nachdenklichen Gesichts sind die Kinder sofort Feuer und Flamme. Wir laden also das Programm herunter und müssen nun das Miauen unseres Katers per Klick auf dem Handy aufnehmen. So oft wie möglich. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz übersetzt die App dann Katzensprache in menschliche Wörter - verspricht zumindest der Ingenieur der App, der für Amazon bereits an der Alexa-Spracherkennungs-Software mitgewirkt haben soll. Die Realität sind bei uns nicht ganz so wissenschaftlich aus: Mit dem Smartphone verfolgen wir den Kater nun auf Schritt und Tritt, um ja keinen Ton zu verpassen. Er ist auf den ersten Blick auch ein idealer Proband: Er miaut oft, er schnurrt, und manchmal haben wir sogar das Gefühl, er steckt im falschen Körper, da er oft „Mäh!“ schreit, was eher an ein Schaf als an eine Katze erinnert. Tatsächlich hat die App auch auf jedes Geräusch, das er von sich gibt, einen Übersetzungsvorschlag. Das neugierig-schnuppernde Reiben am Handy interpretiert das Programm beispielsweise als „Mein Schatz, hier bin ich“. Mein Mann bricht in schallendes Gelächter aus: „Der will fressen“, kommentiert er nüchtern. Doch wir geben nicht auf. Die App erklärt weitere Laute so: „Mir ist langweilig“, „ich will schlafen“ (dabei streicht der Kater merkwürdigerweise um unsere Beine) oder „ich bin glücklich“. Wir stellen fest: Entweder stimmt etwas mit der App nicht oder unser Kater ist vielleicht doch eher ein Schaf im Katzenpelz und völlig ungeeignet, im Dienste der Wissenschaft die Katzen-Kommunikation zu entschlüsseln. Wir beschließen letztlich, unserem Gefühl zu vertrauen. Und das sagt uns seit Jahren, dass unser Kater entweder Hunger hat oder schlafen will. Weitere Möglichkeiten gibt es in seinem Leben nicht. Weil es den Kindern aber Freude bereitet, machen wir weiter. Im Dienste der Wissenschaft - oder auch, um die Tage im Corona-Lockdown zu verkürzen.
Eva Baumgartner