Mulhouse/Elsass - Im Elsass nimmt die Corona-Krise mittlerweile drastische Ausmaße an: Bis Montagabend waren allein im Departement Haut Rhin (Südelsass) 688 Corona-Fälle bekannt. 30 Menschen sind mittlerweile gestorben. In Colmar hat sich ein Intensivmediziner mit dem Virus infoziert, sein Zustand sei "sehr ernst", so das Blatt "20 Minutes" unter Berufung auf einen Kollegen des Erkrankten.
Im Departement Bas Rhin (Raum Straßburg) ist die Zahl der Erkrankten auf 354 gestiegen. Die Präfektur der Region Grand Est, zu der das Elsass gehört, teilte mit, dass die Intensivstationen und Wiederbelebungsmaßnahmen in den Kliniken im Departement Haut Rhin ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben. Es fehle an Personal und Ausstattung. Im Raum Straßburg stehen ähnliche Versorgungsengpässe an.
Der Colmarer Intensivmediziner Jean-François Cerfon hat gegenüber "20 Minutes" betont, dass Corona-Patienten, die beatmet werden müssen, fast zwei Wochen brauchen, bis sie wieder ohne Gerät Luft bekommen. Das sei im Vergleich zu "normalen" Grippepatienten ein großes Problem für die Kliniken. Er habe "so etwas in 40 Jahren als Arzt noch nicht erlebt", so Cerfon wörtlich.
Das französische Militär will nun mit einem mobilen Lazarett mit 30 intensivbetten in der Region aushelfen. Seit Dienstag haben zudem 100 der rund 300 Briefträger in dem besonders vom Coronavirus betroffenen Departement die Arbeit eingestellt. Der Sender France Bleu berichtete am Dienstag, dass erste Patienten aus Mulhouse mit dem Militärhelikopter in andere Kliniken verlegt worden seien.
Um die Weiterverbreitung des Virus einzudämmen, gilt in Frankreich mittlerweile eine 14-tägige Ausgangssperre: Die Menschen in der Region dürfen nur noch ihr Haus verlassen, um ihre Lebensmitteleinkäufe zu erledigen, zur Arbeit zu gehen, wenn dringende familiäre Gründe vorliegen oder wenn sie zum Arzt müssen.
Wer ab Mittwoch ohne Erlaubnis draußen erwischt wird, muss bis zu 135 Euro Strafe zahlen. Bereits am Montag hatte der aktuelle Notstand zu einem Ansturm auf die Supermärkte in der Region geführt.
Unterdessen werden auch in Freiburg die Corona-Maßnahmen weiter verschärft: Das Tiergehege auf dem Mundenhof wird "bis auf Weiteres" abgeriegelt und geschlossen, wie die Stadt am Dienstag mitteilte. Noch am vergangenen Freitag galt dies als nicht vorstellbar. Die Uniklinik bereitet sich derweil einem Sprecher zufolge auf eine Zunahme der Corona-Patienten vor und fährt einen Teil ihres Tagesbetriebs dementsprechend herunter: nicht dringende Operationen werden verschoben. Im Falle einer entsprechenden Anfrage aus dem Elsass könnte man zudem prüfen, ob eine Übernahme von Patienten aus der Krisenregion möglich sei.
Ralf Deckert