Letztes Update:
20220404153731

Corona-Lockerungen kommen nicht überall im Südwesten gut an

15:36
04.04.2022
Plötzlich sitzen sie da in ihrem Klassenzimmer und müssen ihr Gesicht nicht mehr hinter einer Maske verstecken - die Schüler einer zweiten Klasse der Liebenauschule in Neckartailfingen (Kreis Esslingen). Es ist ein ungewohntes, aber schönes Gefühl für sie an diesem Montag. Seit mehr als eineinhalb Jahren gehen die Kinder nun schon zur Schule. Als sie eingeschult wurden, hatte das Coronavirus die Welt bereits fest im Griff.

Ein Schulleben ohne das Virus, das kannten die Mädchen und Jungen bislang nicht. Umso größer ist die Freude über den Wegfall der Maskenpflicht in den baden-württembergischen Schulen. «Das ist cool», sagen mehrere Schüler der Liebenauschule. Unter der Maske hätten sie kaum Luft bekommen.

Während seine Schüler den Unterricht ohne Maske absolvierten, trägt Lehrer Fabian Kirchmann weiterhin freiwillig den Mund-Nasen-Schutz. «Ich fühle mich sicherer, wenn ich die Maske aufhabe», sagt der 29-Jährige. Für die Kinder freue er sich, allerdings werde die Maskenpflicht aus seiner Sicht zu früh aufgehoben.

Vereinzelt gibt es an der Liebenauschule aber auch Kinder, die freiwillig eine Maske tragen. Ein Erstklässler sagt, dass er in den Osterferien nicht krank werden wolle. Ob das Aus der Maskenpflicht die richtige Entscheidung gewesen sei, darüber möchte Schulleiterin Petra Bopp nicht urteilen. «Ich kann das nicht besser entscheiden als diejenigen, die es beruflich machen.»

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg befürchtet nach dem Wegfall der Maskenpflicht Streit und Anfeindungen unter Lehrern und Eltern. «Es gibt innerhalb der Lehrerschaft und der Eltern sehr unterschiedliche Meinungen», sagt VBE-Landessprecher Michael Gomolzig. Er mache sich auch Sorgen, dass Freundschaften daran zerbrechen könnten. Nach Angaben des Kultusministeriums dürfen Schulen eine Maskenpflicht nicht anordnen.

Froh über den Wegfall der Corona-Auflagen sind die Einzelhändler in Baden-Württemberg. «Maßnahmen wie Zugangsbeschränkungen hatten starke Auswirkungen auf Umsatz und Ertrag im Einzelhandel», sagt die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg (HBW), Sabine Hagmann. «Viele Kunden und Arbeitnehmer sind froh, wieder ohne Maske einkaufen und arbeiten zu dürfen.» Einige Kunden und Mitarbeiter tragen laut HBW aber weiterhin freiwillig eine Maske, um sich selbst zu schützen.

Die Händlerinnen und Händler nehmen den Gesundheitsschutz der Kundschaft und des Personals nach wie vor sehr ernst, heißt es. Der HBW erwartet nach eigenen Angaben, dass beispielsweise Desinfektionsmittel-Spender am Ladeneingang ebenso stehen bleiben werden wie die Plexiglaswände an den Kassen.

Im Gegensatz zu Schulen können Einzelhändler von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und eine Maskenpflicht für Kunden und Mitarbeiter anordnen. Laut einer Umfrage des HBW setzt ein Anteil der Händler im einstelligen Prozentbereich die Maskenpflicht trotz des Wegfalls um.

Zwei Jahre lang mussten auch Studierende mit Einschränkungen leben. Vorlesungen fanden meist digital statt und nicht in den Hörsälen. Ein wirkliches Studentenleben gab es nicht. Doch das baden-württembergische Wissenschaftsministeriums macht Hoffnung für das Sommersemester.

«Studierende wie Lehrende können sich auf ein Sommersemester in Präsenz einstellen. Die Studierenden können ihre Hochschulen wieder unmittelbar vor Ort erleben», informierte das Wissenschaftsministerium auf Nachfrage. Der Studienbetrieb finde wieder umfänglich in Präsenz statt. Obwohl die Corona-Regelungen für Hochschulen wegfallen, sei es weiterhin wichtig, auf Hygienemaßnahmen zu achten. «Wir appellieren deshalb an alle Hochschulmitglieder, freiwillig in Innenräumen Maske zu tragen.»

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will allerdings auf Nummer sicher gehen: Sie fordert eine Maskenpflicht und einen Sicherheitsabstand an den Hochschulen im Südwesten. Dafür soll die Landesregierung eine rechtliche Grundlage schaffen. «Wir freuen uns auf ein Semester in Präsenz, aber darunter darf der Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Studierenden nicht leiden», sagt Monika Stein, Landesvorsitzende der GEW Baden-Württemberg.

Auch der Vorsitzende des Landesschülerbeirates Baden-Württemberg, Kevin Erath, kritisiert die Strategie der Politik. «Die allgemeine Aufhebung der Maskenpflicht ist fragwürdig. Wir finden, dass nach wie vor ein hohes Risiko besteht.» Es sei aber richtig, dass die Schule mit anderen Bereichen Schritt halte. Es sei möglich, dass die Maskenpflicht bald wieder eingeführt werde - ähnlich wie in Österreich. Die Freude der Schüler in Neckartailfingen wäre dann nur von kurzer Dauer.

(dpa)

Wir setzen Embeds, also Einbettungen von Drittanbietern ein. Dieser fremde Inhalt wird nicht ohne Ihre Zustimmung (Art. 6 Abs. 1 S. 1 lit. a) DSGVO) geladen. Nur, wenn Sie die Embeds mit einem Klick auf „Externe Inhalte nachladen“ aktivieren, werden die Elemente der Drittanbieter geladen. Erst dann werden vom Drittanbieter ggf. Cookies gesetzt und über Ihren Browser Daten an den jeweiligen Anbieter übertragen. Einige solcher Inhalte stammen auch von sozialen Netzwerken oder anderen Unternehmen aus den USA, durch deren Einbettung Daten (z.B. Ihre IP-Adresse, Browserinformation, Cookie-ID, Pixel-ID, aufgerufene Seite, Datum und Zeit des Aufrufs) auch in die USA übertragen werden können.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Inhalt laden