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Nach Kriegskritik in russischem TV: Militärexperte rudert zurück

19:44
19.05.2022
Mit einer erstaunlich pessimistischen Kriegsprognose im eigentlich kremltreuen russischen Staatsfernsehen hat ein Militärexperte vor einigen Tagen viele Menschen überrascht - nun ist Michail Chodarjonok öffentlich zurückgerudert. Zu glauben, dass die Ukrainer einen Gegenangriff starten könnten, sei „eine große Übertreibung“, sagte der 68-Jährige am Mittwochabend in der Sendung „60 Minuten“.

Die Polit-Talkshow, die dieses Mal unter dem Titel „Erfolge der russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte“ stand, war die gleiche, in der Chodarjonok erst am Montag erklärt hatte, die ukrainischen Streitkräfte seien knapp drei Monate nach Kriegsbeginn weit von einem Zerfall entfernt.

Weiterhin erklärte der ehemalige russische Generalstabsoffizier mit Blick auf die weiteren Ziele der russischen Armee nun: „Die Grundlage dafür ist da, dass die Realisierung dieser Vorhaben die ukrainische Seite in nächster Zeit unangenehm überraschen wird.“ Moderatorin Olga Skabejewa, die Chodarjonok in der letzten Sendung immer wieder sichtlich unzufrieden ins Wort gefallen war, ließ ihn dieses Mal mehrere Minuten lang ohne Unterbrechung ausreden.

Hatte Chodarjonok zuletzt noch den starken Kampfeswillen der ukrainischen Soldaten und ihre Aufrüstung durch den Westen hervorgehoben, so betonte er nun, dass Russlands Streitkräfte ausländische Waffen gezielt aufspürten und zerstörten. „Bald wird von den amerikanischen Haubitzen nur noch die Erinnerung übrig sein“, sagte er. Diese Worte blendete die Redaktion später in der Sendung noch einmal als große Zitattafel ein.

Die Sendungen des russischen Staatsfernsehens gelten als Sprachrohr des Kreml. Kritische Meinungen sind öffentlich weitgehend ausgeschaltet. Ein recht neues Gesetz sieht zudem für angebliche „Falschnachrichten“ über Russlands Streitkräfte bis zu 15 Jahre Haft vor.

Umso erstaunter waren viele Zuschauer Anfang der Woche, als sie Chodarjonok im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg über „Info-Beruhigungstabletten“ in russischen Medien sprechen hörten und darüber, „dass die ganze Welt gegen uns ist“.

Denise Frommeyer

Ukraine: Lebenslängliche Haft wegen Kriegsverbrechen gefordert

19:29
19.05.2022
Im ersten ukrainischen Kriegsverbrecher-Prozess hat die Staatsanwaltschaft lebenslängliche Haft für einen angeklagten russischen Soldaten wegen Ermordung eines unbewaffneten Zivilisten gefordert. Die staatliche Anklage sehe den Tatbestand des Kriegsverbrechens und des Mordes erfüllt, berichteten örtliche Medien am Donnerstag aus dem Gericht. Am Vortag hatte der 21 Jahre alte Verdächtige die Tat zum Prozessauftakt gestanden und beschrieben. „Dort war ein Mann, der per Telefon redete. Fähnrich Makejew befahl zu schießen“, führte der Soldat aus. Nach einer ersten Weigerung habe er einen kurzen Feuerstoß aus seinem Sturmgewehr abgegeben.

Das 62-jährige Opfer wurde wenige Meter von seinem Haus im Dorf Tschupachiwka getötet. Die mit einem gestohlenen Fahrzeug in Richtung Russland fahrende Gruppe aus fünf Soldaten hatte dem Geständnis zufolge befürchtet, an die ukrainischen Streitkräfte verraten zu werden.

Die Witwe des Opfers hatte ebenfalls lebenslängliche Haft für den Soldaten gefordert. „Doch wenn er gegen einen von unseren Mariupoler Verteidigern ausgetauscht wird, dann bin ich nicht dagegen“, sagte sie vor Gericht. Aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol haben sich Hunderte ukrainische Kämpfer in russische Gefangenschaft begeben.

Russland führt seit knapp drei Monaten einen Angriffskrieg gegen den Nachbarn. Aus den nordöstlichen Gebieten Kiew, Tschernihiw und Sumy haben sich die russischen Truppen inzwischen zurückgezogen. Nach ihrem Abzug lösten Berichte über russische Gräueltaten weltweit Entsetzen aus.

Russland weist den Vorwurf der Kriegsverbrechen grundsätzlich von sich und beschuldigt im Gegenzug die Ukraine, russische Gefangene zu misshandeln und unter Druck zu setzen. Menschenrechtler fordern beide Seiten immer wieder auf, die Rechte der Kriegsgefangenen zu wahren.

Denise Frommeyer