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Omikron naht - wie gut ist Deutschland vorbereitet?

16:52
20.12.2021
Angesichts der um sich greifenden Omikron-Variante des Coronavirus fordert der Expertenrat der Bundesregierung Vorkehrungen für dramatisch steigende Infiziertenzahlen. «Sollte sich die Ausbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so fortsetzen, wäre ein relevanter Teil der Bevölkerung zeitgleich erkrankt und/oder in Quarantäne», schreibt das Expertengremiums. «Dadurch wäre das Gesundheitssystem und die gesamte kritische Infrastruktur unseres Landes extrem belastet.»

Welche Schlussfolgerungen die Politik aus der drastischen Warnung zieht, das dürfte ein wichtiges Thema für die Beratungen von Bund und Ländern an diesem Dienstag werden.

Kritische Infrastrukturen

Kritische Infrastrukturen sind Organisationen und Einrichtung, die für das tägliche Leben in Deutschland eine besondere Bedeutung haben und deren Ausfall gravierende Konsequenzen haben würde: unter anderem Energie- und Wasserversorgung, Lebensmittelhandel, Banken, Krankenhäuser, Telekommunikation, Verkehr, Justiz, Regierung, Medien.

Bei der Sicherung vieler dieser Strukturen spielen Landkreise und Behörden vor Ort eine wichtige Rolle. Die Mitarbeiter in Kommunalverwaltungen seien breit aufgestellt und in verschiedensten Funktionen verwendbar, hieß es beim Deutschen Landkreistag. So sei während der Pandemie bereits Personal in die Gesundheitsämter verschoben worden. Teils würden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in mobilen Impfteams eingesetzt, weil es angesichts der Dauer der Pandemie schwieriger werde, auf Ehrenamtliche von Hilfsorganisationen zurückzugreifen.

Die Energiewirtschaft nimmt die Gefahr sehr ernst. Zwar wird kein erhöhtes Risiko für die Versorgungssicherheit gesehen, doch fordert der Branchenverband BDEW bundesweit gültige Ausnahmeregelungen etwa für die Spezialisten in den Kraftwerk-Leitzentralen und im Stör- und Havariedienst. Die Unternehmen wollen «größtmögliche Flexibilität». Vor allem bei Quarantäne-Regeln und Kinderbetreuung müssten Ausnahmen möglich sein, «damit betriebsnotwendige und arbeitsfähige Personen bei Engpässen auch tatsächlich eingesetzt werden können». Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion kündigte an, seine Corona-Regeln noch einmal an die aktuelle Situation anzupassen. «Wir sind weiterhin auf eine Verschärfung der Situation vorbereitet», sagt ein Sprecher.

Was Omikron so besonders macht

Dass die Virologen so eindringlich vor Omikron warnen, liegt an der Kombination zweier ungünstiger Eigenschaften der Virusvariante: Sie breitet sich viel schneller aus als frühere Varianten, und sie kann den Immunschutz der Menschen - aufgebaut durch Impfung oder Erkrankung - zumindest teilweise umgehen. Darauf deuten Labortests und auch erste Untersuchungen in der Bevölkerung hin, etwa in Dänemark und Großbritannien.

Die Situation in Deutschland

Bis zum 14. Dezember sind laut letztem Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) 112 Omikron-Fälle über eine Genomsequenzierung nachgewiesen. Bei 213 weiteren Fällen bestehe der Verdacht darauf. Noch ist Delta die vorherrschende Variante in Deutschland. Und die Zahl der Neuinfektionen ist seit rund drei Wochen rückläufig: Die Sieben-Tage-Inzidenz sank von 452,4 am 29. November auf 315,4 am 19. Dezember. Am Montagmorgen meldete das RKI 316,0.

Die aktuell sinkenden Inzidenzen würden von weiten Teilen der Gesellschaft und Politik als Zeichen der Entspannung gewertet, schreibt der neue Covid-19-Expertenrat der Bundesregierung. Die zu erwartende Meldeverzögerung über die Feiertage würde diesen Eindruck noch verstärken - zu Unrecht.

Mit dieser Entwicklung rechnen Experten für Deutschland

Die Experten schauen vor allem auf Dänemark, Norwegen, die Niederlanden und Großbritannien, wo sich die Variante bereits explosionsartig vermehrt. Dort verdopple sich die Omikron-Inzidenz etwa alle zwei bis drei Tage, berichtet der Expertenrat. Für Deutschland gehe man aufgrund der Schutzmaßnahmen von einer etwas langsameren Verdopplung aus - aktuell alle zwei bis vier Tage.

Es sei davon auszugehen, dass der Anteil der Omikron-Fälle in Deutschland in den nächsten Wochen rasant steigen wird, berichtet auch ein Team um Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin nach entsprechenden Modellierungen.

Der Blick auf die nächsten Wochen fällt deshalb bei vielen Experten düster aus: «Mit hoher Boosterrate wird es nicht ganz so schlimm, aber dass die Infektionszahlen erneut ansteigen, ist vermutlich unumgänglich», meint der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. «Leider heißt das dann auch, dass wir jetzt noch den vorweihnachtlichen Gipfel in der Hospitalisierung wegen Delta haben, da aber leider kaum herauskommen, bevor Omikronfälle vermehrt in die Krankenhäuser gelangen - keine gute Aussicht.»

Die Lage auf den Intensivstationen

Derzeit sinke die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen wieder leicht, auf 4582 Menschen am Montag, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, der Deutschen Presse-Agentur. Die Zahl sinke auch deshalb, weil viele von ihnen verstürben. Zu Omikron sei noch vieles unklar, man sei sich aber «relativ sicher», dass die Variante ab etwa Mitte bis Ende Januar in Deutschland vorherrschen werde.

Der Einfluss der Impfkampagne auf die Omikron-Welle

Impfen kann die Zahl der Infektionen und die schwerer Erkrankungen senken. Allerdings kann Omikron auch Geimpfte befallen. So haben Untersuchungen gezeigt, dass die Schutz-Wirkung etwa des Biontech-Impfstoffs bei Omikron nach der Zweitimpfung schnell wieder abfällt. Geimpfte können das Virus wohl auch leichter weitergeben als bisher bei den Corona-Varianten. Das könnte daran liegen, dass sich Omikron in den Bronchien etwa 70 mal schneller vermehrt als Delta, wie Forscher aus Hongkong kürzlich in einer noch nicht begutachteten Studie berichteten. Experten hoffen aber, dass die Impfungen weiterhin vor schweren Verläufen schützen.

Vor allem Boostern gibt aber Grund zur Hoffnung: Denn mit der Auffrischimpfung steigt der Schutz vor Ansteckung wieder. Wie lange er hält, ist allerdings unklar. Ganz in Sicherheit wiegen können sich also auch Menschen mit drei Impfungen bei Omikron nicht.

Die Impfstoffhersteller wie Biontech/Pfizer und Moderna arbeiten deshalb bereits an speziellen Omikron-Impfstoffen. Bis die zur Verfügung stehen, werden aber noch Monate vergehen. Die drohende fünfte Welle werden sie nicht aufhalten.

Stand der Impfkampagne

Mindestens 58,4 Millionen Menschen sind in Deutschland laut offiziellen Zahlen vom Montag nach bisherigen Maßstäben vollständig, also in der Regel mit zwei Dosen geimpft. Das sind 70,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die tatsächliche Quote könnte laut Robert Koch-Institut bis zu fünf Prozentpunkte höher liegen. Von diesen vollständig Geimpften haben bisher rund 44,9 Prozent den gegen Omikron wichtigen Booster-Schutz: 26,2 Millionen Menschen.

Arztpraxen und Impfstellen boostern laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung derzeit innerhalb einer Woche über 10 Prozent aller Personen mit Zweitimpfung. Der Institutsvorsitzende Dominik von Stillfried sagt über die Zeit bis zum Jahresende: «Auch bei verminderter Impfleistung über die anstehenden Feiertage sind die von der Bundesregierung als Impfziel avisierten 30 Millionen Booster-Impfungen zu schaffen.»

(dpa)

Kinder bekamen Moderna-Impfstoff: Eltern erstatten Anzeige

16:50
20.12.2021
Bei einer Panne um verwechselte Impfstoffe haben drei jüngere Kinder im Sauerland das für ihre Altersgruppe nicht zugelassene Mittel von Moderna erhalten. Nach bisherigem Kenntnisstand sei drei Kindern im Alter zwischen sieben und elf Jahren im Impfzentrum des Kreises Olpe am Sonntag versehentlich der Booster-Impfstoff von Moderna - in halber Dosierung - gespritzt worden, teilte das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium (MAGS) am Montag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Eigentlich sollten sie den Kinderimpfstoff von Biontech bekommen. Das Moderna-Mittel Spikevax ist bisher in der EU erst für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen.

«Nach den dem MAGS vorliegenden Informationen geht es den betroffenen Kindern gut und bisher sind keine Nebenwirkungen erkennbar», hieß es am Montag in Düsseldorf. Die Kreisverwaltung berichtete nach internen Prüfungen am Nachmittag, es handele sich um drei Kinder - sieben, zehn und elf Jahre alt.

Ein Elternpaar mit zwei Kindern hatte nach dem Vorfall in Attendorn Anzeige wegen Körperverletzung gegen die Person erstattet, die die fehlerhafte Impfung durchgeführt haben soll. Die Polizei nahm einer Sprecherin zufolge Ermittlungen auf. Parallel dazu werde die Staatsanwaltschaft bewerten, «ob Körperverletzung vorliegt oder nicht».

Am Sonntag hatte der Kreis über eine «fehlerhafte Verimpfung» des Vakzins vom Moderna an mehrere Kinder informiert. Nach einem Austausch unter allen relevanten Aktuere am Montag, darunter dem ärztlichem sowie dem organisatorischen Leiter des Impfzentrums, teilte Landrat Theo Melcher (CDU) mit, der Fehler sei der impfenden Fachkraft und einer betroffenen Familie mit zwei Kindern aufgefallen. Es sei von einem individuellen Versäumnis auszugehen, die Fachkraft sei sofort aus dem Impfgeschehen herausgenommen worden.

In den kommunalen Impfstellen in NRW waren die Kinderimpfungen erst am vergangenen Freitag offiziell gestartet. «Die Kreise und kreisfreien Städte wurden per Erlass angewiesen, die Impfangebote für Kinder getrennt von den übrigen Angeboten an Erst-, Zweit- oder Booster-Impfungen für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren vorzuhalten», betonte das Gesundheitsministerium. Ministerium und Bezirksregierung seien mit dem Kreis Olpe im Austausch, um zu klären, wie es zu dem Versehen kommen konnte. Es müsse sichergestellt werden, dass solche Fehler künftig ausgeschlossen seien.

Landrat Melcher sagte, man werde die Ständige Impfkommission um eine fachliche Einschätzung bitten. Mit den beiden betroffenen Familie wolle der Kreis engen Kontakt halten. Er kündigte an, Impftermine würden künftig nur noch so vergeben, dass jeweils nur ein Impfstoff in einer Dosierung verwendet werde.

Laut «Siegener Zeitung» war den Eltern mit zwei betroffenen Kindern die Fehlimpfung anhand des Impfpass-Eintrags aufgefallen. Sie hätten daraufhin die Polizei informiert und Anzeige erstattet.

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im November grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren gegeben. Es ist der erste Corona-Impfstoff, der in der EU für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen ist. Der Moderna-Impfstoff Spikevax ist ab zwölf Jahren zugelassen. Allerdings empfiehlt die Stiko für Menschen unter 30 ausschließlich die Impfung mit dem Mittel von Biontech.

(dpa)

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