Angesichts der Ausschreitungen bei Protesten von Gegnern der Corona-Maßnahmen müssen Polizei und Staatsschutz ihre Strategie gegen die Veranstalter nach Ansicht der SPD viel stärker auf die sozialen Medien konzentrieren. «Die Organisationsstrukturen der Szene im Netz müssen besser überblickt werden», sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sascha Binder, am Freitag. Das zeigten auch die vor kurzem bekannt gewordenen Morddrohungen gegen den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU). Notwendig sei nun ein landesweiter Sonderstab «Corona-Extremismus» unter Leitung des Staatsschutzes.
Nicht nur bei den jüngsten Versammlungen in Mannheim und Reutlingen seien die Behörden von der großen Anzahl aggressiver Demonstranten überrascht gewesen, sagte Binder. Auch im vergangenen April habe man dies bereits unterschätzt, als sich in Stuttgart trotz verbotener Demonstrationen zahlreiche «Querdenker» und weitere Gegner der Corona-Politik versammelten. Am Karsamstag waren zudem bei einer Demonstration der «Querdenker»-Bewegung bis zu 15 000 Menschen ohne Mund-Nasen-Schutz und ohne Abstand zusammengekommen.
Öffentliche Kanäle in den sozialen Medien müssten deutlich intensiver als bislang beobachtet und ausgewertet werden. «Insbesondere der Messengerdienst Telegram muss stärker ins Visier der Sicherheitsbehörden, da die Teilnehmenden sich vermehrt über diesen Kanal verabreden», sagte Binder, der auch SPD-Generalsekretär ist. Ein Sonderstab müsse die Polizei vor Ort unterstützen. «Die Einsatzkräfte müssen rechtzeitig wissen, wo Proteste geplant werden, mit wie vielen Teilnehmenden und mit welchem Radikalisierungs- und Gewaltpotenzial zu rechnen ist», sagte Binder.
Der Messengerdienst Telegram erlaubt neben individueller Kommunikation auch schwer einsehbare Gruppendiskussionen von mehreren Tausend Nutzern. Das Problem: Telegram hat den Ruf, jegliche Inhalte ohne Moderation zuzulassen. Die Größe von Gruppen oder das Weiterleiten von Nachrichten sind so gut wie nicht beschränkt, anders als etwa auf WhatsApp. Das hat vor allem während der Pandemie Akteure angezogen, die auf Plattformen wie Youtube oder Facebook wegen gesundheitlichen Falschinformationen oder verhetzenden Inhalten gesperrt wurden.
Die SPD-Fraktion forderte das Innenministerium auf, die Städte und Gemeinden intensiver zu beraten. Es gehe vor allem um die Fragen, wie bereits im Vorfeld gegen rechtswidrige Versammlungen vorgegangen werden könne, wie die sogenannten Corona-Spaziergänge unterbunden werden und Auflagen für Versammlungen wie die Maskenpflicht erlassen werden könnten.
Der SPD-Rechtsexperte Boris Weirauch verlangte die «volle Härte gegen den Corona-Extremismus» in Baden-Württemberg. «Ein starker Rechtsstaat definiert sich nicht darüber, dass er Recht setzt, sondern auch dadurch, dass er Recht durchsetzt», sagte er. Straftaten, die auf Corona-Demonstrationen vor allem gegen Polizisten und Ordnungsbehörden begangen würden, müssten schnell und hart geahndet werden. Weirauch brachte auch sogenannte beschleunigte Verfahren ins Spiel. Sie kommen meist dann zum Zuge, wenn ein Täter auf frischer Tat ertappt wird, denn dann ist der Sachverhalt einfacher und die Beweislage klarer.
(dpa)