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Lungenärzte sammeln Daten zu Therapie langer Corona-Erkrankungen

10:51
26.05.2021
Lungenfachärzte erforschen Therapieansätze von lang andauernden Corona-Erkrankungen. «Es ist ein relative frisches Phänomen», sagte Andreas Rembert Koczulla am Mittwoch vor dem 61. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Man überblicke gerade mal 15 Monate. Viele Unikliniken hätten Fachabteilungen eingerichtet für Patienten. In ländlicheren Regionen seien meist Allgemeinmediziner die ersten Ansprechpartner. «Ich glaube, dass auch Selbsthilfegruppen eine entscheidende Rolle zukommt», sagte der Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land in Prien am Chiemsee. Diese hätten sich sehr schnell gebildet.

Die Experten unterscheiden bei den Langzeit-Erkrankungen das Post-Covid-Syndrom, bei dem Symptome noch zwölf Wochen nach einer akuten Corona-Infektion vorhanden sind, und das Long-Covid-Syndrom, das den Symptomverlauf von Woche vier bis über die Woche zwölf hinaus bezeichnet. Daten dazu, wie viele Erkrankte noch lange Probleme haben, seien schwierig zu erheben. Nach Angaben aus England zeigten fast 14 Prozent nach zwölf Wochen Long-Covid-Symptome.

Diese können sehr unterschiedlich sein und verschiedene Organe betreffen, wie Koczulla deutlich machte. Daher würden die Symptome zu sogenannten Phänotypen zusammengefasst. Beim Lungen-Phänotyp seien etwa Husten und Schlafstörungen typisch, beim neurologischen Phänotyp Konzentrationsstörungen sowie Kopfschmerzen und beim dermatologischen Phänotyp Hautveränderungen sowie Haarausfall. «Es ist häufig ein Mischbild an Phänotypen, die auftreten», sagte der Lungenarzt.

Beim DGP-Kongress vom 2. bis 5. Juni werden rund 4000 Teilnehmer erwartet. Die digitale Veranstaltung steht unter dem Motto «Pneumologie – persönlich und präzise». Unter anderem soll es auch um die Gefahr von E-Zigaretten und (Heim-)Beatmung im Kontext des neuen Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetzes gehen.

(dpa)

Nutzen und Risiko: Impfungen für Kinder und Teenager in der Pandemie

10:50
26.05.2021
Der Impf-Wettlauf gegen Corona geht weiter: Mit Biontech/Pfizer hat der erste Hersteller eine EU-Zulassung für 12- bis 15-Jährige beantragt. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA will voraussichtlich an diesem Freitag ihre Entscheidung dazu bekanntgeben. In Deutschland muss dann aber nicht zwingend eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für alle Kinder folgen: Momentan wisse man kaum etwas über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern, erklärte Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries am Dienstag in der Sendung «RBB-Spezial». «Bei unklarem Risiko kann ich zur Zeit noch nicht vorhersehen, dass es eine Impfempfehlung für eine generelle Impfung geben wird.» Wichtige Aspekte für eine Einschätzung:

Was ist bei einer Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche anders als bei Erwachsenen?

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern streben an, Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren bis Ende August ein Impfangebot zu machen - über die Umsetzung wollten am Donnerstag auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beraten. Kinder sind aber biologisch gesehen keine kleinen Erwachsenen. Es reicht also nicht, eine Impfdosis einfach an ihre Körpergröße oder ihr Körpergewicht anzupassen. Für jedes Medikament sind grundsätzlich eigene Studien in der jungen Altersgruppe nötig. Für den Antrag auf Zulassung für 12- bis 15-Jährige reichte für Hersteller Biontech/Pfizer allerdings ein Test an nur rund 1000 Teenagern.

Der Stiko ist das für ihre Empfehlung nicht genug. «Das ist deutlich zu gering, um seltene Komplikationen nach der Impfung vorhersagen zu können», sagte Stiko-Mitglied Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin, kürzlich im rbb-Inforadio. Deshalb warte das ehrenamtliche Gremium auf mehr Daten aus den USA und Kanada, wo der Impfstoff seit Mai an 12- bis 15-Jährige verabreicht wird. Es geht um eine Prüfung zu Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit. Die Stiko-Empfehlung werde deshalb wahrscheinlich erst deutlich nach der EMA-Entscheidung kommen, so Terhardt. Und sie könnte Einschränkungen enthalten - etwa, dass zunächst nur chronisch kranke Kinder geimpft werden sollten.

Wie gefährdet sind Kinder und Teenager überhaupt durch Covid-19 ?

Für Mediziner geht es bei einer Impfung wie bei Erwachsenen zuerst um den individuellen Schutz - und erst dann um den Schutz der Gemeinschaft. Bei Kindern gilt das Selbstschutz-Argument nicht so stark wie bei Älteren: Sie erkranken deutlich seltener als Erwachsene an Covid-19 - wenn, können auch sie vereinzelt schwere Verläufe entwickeln. Bis 23. Mai sind nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie knapp 1550 Kinder und Jugendliche mit Covid-19 ins Krankenhaus gekommen, davon waren 37 Prozent jünger als ein Jahr. Rund fünf Prozent dieser Kinder und Jugendlichen wurden auf einer Intensivstation behandelt, 0,3 Prozent starben an Covid-19. Angenommen wird, dass ein erheblicher Teil der Infektionen ohne oder nur mit milden Krankheitsanzeichen verläuft.

Spätfolgen (Long Covid oder Post Covid), die teils auch erst Monate nach der Infektion auftreten oder sich verschlechtern, werden nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Minderjährigen beobachtet. Zur Dauer und Häufigkeit ist aber noch vieles unklar. Es habe den Anschein, dass Langzeitfolgen bei Kindern eher aufträten als die akute Erkrankung, sagte Charité-Virologe Christian Drosten kürzlich im Podcast «Coronavirus-Update». Daneben gebe es das Zusatzproblem des pädiatrischen Multisystem-Inflammationssyndroms (PIMS), das eine Krankenhausbehandlung erfordert. Das sind Entzündungen, die Kinder etwa ab dem Grundschulalter bis zur Pubertät betreffen können. Die Datenlage zu der schweren Erkrankung, die Wochen nach einer akuten Infektion auftritt, sei unklar. Zu befürchten sei, dass das Syndrom in einem von 1000 Fällen auftrete.

Lassen sich Kinder auch anders als durch eine Impfung schützen?

Für Kinder unter zwölf Jahren rechnet Stiko-Mitglied Terhardt ohnehin nicht vor Ende des Jahres mit einem zugelassenen Impfstoff. Auch die Immunisierung von Teenagern bis 16 Jahre werde im Falle einer Zulassung dauern. Das muss aber kein Drama sein. Drosten verweist auf Daten aus Großbritannien: Vier Wochen nach den Osterferien bleibe die Infektionsrate (Prävalenz) in den Schuljahrgängen niedrig, twitterte er jüngst. «Das sieht jetzt ganz anders aus als im Teil-Lockdown November und Dezember. Damals gab es bei Kindern ca. vier Mal mehr Infektionen als bei Erwachsenen.»

Die neuen Zahlen aus Großbritannien seien die Folge eines Schulbetriebs mit intensiver Testung und zunehmend geimpfter Erwachsenen-Bevölkerung sowie weit gesenkter Wocheninzidenz. «Das ist wirklich ermutigend für den Schulbetrieb. Die Impfung der Erwachsenen könnte den Ping-Pong-Effekt zwischen Schulen und Haushalten unterbrechen.» Zur Situation in Deutschland bis zum Herbst sagte Drosten, es sei zu erwarten, dass sich Eltern von Schülern impfen lassen. Diese Abschirmung der Haushalte könne hoffentlich auch den Schulbetrieb schützen, so dass dieser mit Tests offen gestaltet werden könnte.

Welche Rolle spielen Kinder für die Herdenimmunität?

Einer Studie unter Leitung Drostens zufolge sind Kinder und Jugendliche ähnlich ansteckend wie Erwachsene. Die sogenannte Viruslast sei in allen Altersgruppen in etwa gleich, berichten die Forscher im Fachmagazin «Science». Darum zählen auch Kinder und Jugendliche, wenn es um das Erreichen einer schützenden Herdenimmunität geht. Sie lässt sich nur erreichen, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist oder die Infektion durchgemacht hat. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, nennt derzeit einen Anteil Immuner von 80 Prozent als Zielmarke, bisher sind erst 14,3 Prozent der Menschen hierzulande vollständig geimpft. Minderjährige haben in Deutschland einen Anteil von 16,4 Prozent an der Bevölkerung.

Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl findet, dass auch diese Gruppe eine Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen hat. Er könnte sich sogar eine Impfpflicht für Schüler vorstellen. Stiko-Mitglied Terhardt nennt solche Vorschläge «abwegig». Bei Eltern sei die Zurückhaltung im Moment noch sehr groß, sagte der Kinderarzt im rbb-Inforadio.

Bundesgesundheitsminister Spahn will Kinder und Jugendliche bei entsprechender EMA-Empfehlung jedenfalls auch ohne allgemeine Impfempfehlung der Stiko in die Impfkampagne einbinden. Die Stiko gebe nur eine Empfehlung, sagte der CDU-Politiker in der Sendung «Frühstart» bei RTL/ntv. «Im Lichte dieser Empfehlung können dann die Eltern mit ihren Kindern, den Ärztinnen und Ärzten die konkreten Entscheidungen treffen, ob jemand geimpft wird oder nicht.» Dies sei eine individuelle Entscheidung.

(dpa)

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