Corona-Mutanten breiten sich nicht nur hierzulande aus. In Brasilien etwa sorgt eine Virusvariante derzeit für Unruhe, manche sprechen gar von der Gefahr einer Supermutante. Wie gut wirken die Impfungen dagegen? Könnte irgendwann alles von vorne beginnen? Ein Überblick.
Stuttgart - Die Fallzahlen steigen rapide, Deutschland befindet sich in der dritten Welle der Coronapandemie. Verantwortlich dafür ist vor allem die britische Variante B.1.1.7. Zudem grassieren in anderen Teilen der Welt weitere Mutanten, die auch uns gefährlich werden könnten. Ein Überblick.
Wie ist die Situation in Deutschland?
Nach den jüngsten Daten des Robert-Koch-Instituts lag der Anteil der britischen Variante B.1.1.7 Mitte März bei rund 72 Prozent. In der Woche zuvor waren es noch 64 Prozent. Bei einer ähnlichen Steigerung dürfte der Anteil dieser Mutante mittlerweile auf 90 Prozent zugehen. Die anderen bedenklichen Varianten mit einer Veränderung des Stachelproteins spielen bei uns derzeit keine Rolle: Die südafrikanische B.1.351 liegt bei einem Prozent und ist dabei rückläufig, die brasilianische Mutante P.1 wird nur vereinzelt gefunden.
Was ist inzwischen über die Gefährlichkeit der britischen Variante bekannt?
Weil B.1.1.7 rund ein Drittel ansteckender ist, hat sich der R-Wert in jüngster Zeit deutlich über 1 erhöht. Derzeit stecken zehn Infizierte knapp zwölf gesunde Menschen an. Damit ist die britische Variante der Haupttreiber für den derzeitigen starken Anstieg der Fallzahlen. Warum genau die Variante ansteckender ist, wissen die Forscher noch nicht.
Es mehren sich aber Hinweise, dass sie schlimmere gesundheitliche Folgen hat. Das gilt insbesondere auch für jüngere Menschen inklusive Kindern und Jugendlichen. Gernot Marx, der Präsident der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), erwartet für die derzeitige dritte Welle einen deutlich niedrigeren Altersdurchschnitt – wozu auch beiträgt, dass die 80-Jährigen zumeist geimpft sind. Momentan seien mehr als drei Viertel der Intensivpatienten unter 80.
Wie wirkt sich das auf Familien aus?
Da B.1.1.7 auch jüngere Menschen stärker infiziert, kann sie sich schneller innerhalb von Familien ausbreiten. So weist etwa der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr darauf hin, dass nun eher die ganze Familie infiziert sei, wohingegen früher selbst enge Angehörige nicht immer angesteckt wurden. Das sei wie ein „Pulverfass“, so der Experte, der an der Universität des Saarlandes für ein Simulationsprogramm zur weiteren Corona-Entwicklung verantwortlich ist – und mit seinen Prognosen bisher meist richtig lag.
Warum bereitet Brasilien Sorgen?
In Brasilien breitet sich die deutlich ansteckendere Mutante P1 massiv aus. Sie kann auch Menschen erneut befallen, die bereits eine Corona-Infektion mit der ursprünglichen Variante hinter sich haben. Von diesen sogenannten Reinfektionen sind laut Friedemann Weber relativ viele Jüngere betroffen – also Menschen, bei denen die Krankheit meist milde verläuft: „Unter diesen Umständen gibt es in der Regel keine starke Immunantwort“, sagt der Leiter des Instituts für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen. Entsprechend niedrig seien in diesem Personenkreis die Antikörperspiegel im Blut.
„Wenn wie in Manaus schwache Immunität und hohe Infektionszahlen zusammenkommen, steigt das Risiko von Fluchtmutationen, mit denen das Virus die Abwehr umgehen kann“, so Weber. „Das ist wie eine Art Trainingscamp für das Coronavirus.“ Experten warnen daher, dass die Lage in Brasilien große Gefahren für die ganze Welt birgt. Zugleich stehen dort die Chancen für eine Eindämmung der Pandemie schlecht: Viele Brasilianer halten sich nicht an die Vorsichtsmaßnahmen – worin sie von ihrem Präsidenten Jair Bolsonaro bestärkt werden, der die Gefahr durch das Virus herunterspielt und sich über Erkrankte lustig macht.
Was weiß man von anderen Mutanten?
Besonders besorgt sind Virologen über die Coronavariante B.1.427/B.1.429. Sie wurde im Juni 2020 in Kalifornien entdeckt und dominiert dort inzwischen zu 90 Prozent die Infektionen. Die US-Behörde für Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) bezeichnet sie als 20 Prozent ansteckender als das ursprüngliche Virus. Zudem könnte sie den Erkrankungsverlauf erschweren, und es gibt Hinweise, dass sie tödlicher ist. Laut CDC führt sie zu einer „moderaten Verringerung“ der Wirkung von Impfstoffen. Allerdings liegen dazu bislang nur wenige Daten vor.
Wie wirken die Impfstoffe gegen die neuen Mutanten?
Bisherigen Untersuchungen zufolge schützen die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zwar teilweise etwas schlechter, aber insgesamt immer noch gut gegen die neuen Varianten. Der Vektorimpfstoff von Astrazeneca dagegen verliert bei der Südafrikavariante B.351 deutlich an Wirkung.
Der Virologe Friedemann Weber geht davon aus, dass der Schutz durch die derzeit eingesetzten Corona-Impfstoffe länger halten wird als etwa bei den Influenza-Impfstoffen. Er schätzt, dass es genügen könnte, alle zwei Jahre mit einem jeweils an neue Virusvarianten angepassten Vakzin zu impfen. Auch wenn sich die Viren weiter verändern, bedeutet dies nicht, dass die bisherigen Impfstoffe gar nicht mehr wirken. Eine gewisse Grundimmunität bleibt wohl erhalten.
Entstehen durch Impfungen Mutanten?
Durch Impfungen werde in der Regel ein höherer Grad an Immunität erreicht als durch natürliche Infektionen, sagt Friedemann Weber. Das schlage sich in höheren Antikörperspiegeln und auch einer stärkeren Produktion von T-Zellen nieder. Letztere spielen insbesondere für die länger andauernde Immunität eine wichtige Rolle. Andererseits wird in Fachkreisen diskutiert, inwieweit der durch Impfungen entstehende Selektionsdruck zur Entstehung neuer Varianten beiträgt. Ausschließen könne man das nicht, meint Weber.
Ungleich höher sei allerdings das Mutationsrisiko bei einer massenhaften Vermehrung des Virus. Denn jedes Mal, wenn das Viruserbgut zum Zwecke der Weiterverbreitung kopiert wird, besteht die Möglichkeit, dass dabei eine neue, potenziell gefährlichere Variante entsteht. Für Weber ist daher klar: „Nicht zu impfen führt am Ende zu viel größeren Problemen mit Mutationen.“