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Corona verändert den Mittelstand dramatisch

21:15
23.03.2021
Wie übersteht die Wirtschaft die Corona-Krise? Geht der Börsenboom weiter? Lähmen die wachsenden Staatsschulden künftige Generationen? Darüber sprach die bekannte Börsenjournalistin Anja Kohl bei der Kooperationsveranstaltung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) mit Frankenpost und Neue Presse.

Hirschaid - Die Corona-Pandemie bringt den Mittelstand kräftig unter Druck. Sie beschleunige die digitale Transformation dramatisch, weshalb sich die Geschäftsmodelle zahlreicher Firmen verändern müssten, sagte die ARD-Börsenjournalistin Anja Kohl am Dienstagabend bei einer Veranstaltung, die von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) gemeinsam mit der Frankenpost und der Neuen Presse initiiert worden war. Die mittelständisch geprägte deutsche Wirtschaft werde nach überstandener Corona-Krise eine andere Struktur als bisher haben. Kohl warnte allerdings vor einer wachsenden Kluft in Wirtschaft und Gesellschaft: „Corona spaltet die Welt in Gewinner und Verlierer.“ Zu Letzteren gehören nach ihren Worten vor allem „kontaktnahe Dienstleistungen“ wie etwa Hotellerie und Gastronomie. Ein ausführlicher Artikel folgt.

Wer ist schuld an der dritten Welle?

20:08
23.03.2021
Die Infektionszahlen steigen rasant, doch anders als im Winter verschärft die Politik kaum die Regeln. Wer trägt die Verantwortung für die Lage?

Stuttgart - Auf steigende Infektionszahlen hat die deutsche Coronapolitik bisher stets mit schärferen Einschränkungen des Alltags reagiert. Das ist nach der Bund-Länder-Schalte vom Montag anders: Das Regelwerk von Anfang März bleibt in Kraft. Lockerungen werden lediglich in diesem Rahmen zurückgenommen – weil das aktuelle Regelwerk nicht ausreicht, um die Fallzahlen niedrig zu halten. Deutschland rast in die dritte Welle, und man darf fragen: Wer ist schuld daran?

Tragen die Politiker die Hauptverantwortung?
Während der ersten Infektionswelle im Frühjahr 2020 und auch bei der zweiten seit Oktober schienen scharfe Maßnahmen unvermeidlich. Weil es noch keinen Impfstoff gab, mussten Kontakte reduziert werden, um möglichst viele tödliche Infektionsverläufe bei Älteren zu verhindern. Seitdem diese geimpft werden, werden politische Bewertungen wichtiger: Politiker wägen zunehmend ab, welche wirtschaftlichen und sozialen Kosten ein verschärfter Lockdown mit sich bringt – und wie viele Menschenleben gerettet werden können.

Die Antwort fiele leichter, wenn auch die 70- bis 80-Jährigen bereits geimpft wären – sie tragen ebenfalls ein hohes Risiko, an Covid-19 zu versterben. Wegen des Desasters bei der Terminvergabe und des Impfstoffmangels bleibt diese Gruppe weitgehend ungeschützt. Zwar starben Mitte März gut zwölf Prozent weniger Menschen als im Durchschnitt der Vorjahre. Die Coronaregeln nicht zu verschärfen und damit rasant steigende Infektionszahlen in Kauf zu nehmen wird den Trend eher umkehren.

Erschwert der Föderalismus die Eindämmung der Pandemie?
Die verabredeten Maßnahmen werden von den Ländern konkretisiert und auf Kreisebene umgesetzt. Die Coronaverordnungen der Länder lassen reichlich Interpretationsspielraum. Der Calwer Landrat etwa nutzte eine Regelungslücke und ließ sein Gesundheitsamt eine „bereinigte Inzidenz“ errechnen. Der Einzelhandel im Kreis blieb offen, obwohl die Zahl der bestätigten Corona-Neuinfektionen je 100 000 Einwohner (Inzidenz) über der Schwelle von 50 lag.

In Baden-Württemberg nimmt das für solche Themen zuständige Sozialministerium die Landräte jetzt wieder an die kurze Leine und achtet darauf, dass die am Montag bekräftigte Notbremse-Regelung konsequent umgesetzt wird: Ab einer Inzidenz über 100 müssen Einzelhandel, Zoos und Museen schließen, Treffen sind nur noch mit einer weiteren Person erlaubt – Kinder nicht eingerechnet.

Waren die Maßnahmen zu lasch?
Das von Bund und Ländern am 3. März verabschiedete Regelwerk konnte ein neuerliches Ansteigen der Infektionszahlen nicht verhindern. Der Kreis Schwäbisch Hall und die Stadt Mannheim verschärfen mit dieser Argumentation nun selbst die Regeln: Kitas sind wieder geschlossen, Schulen bleiben zu. Schwäbisch Hall hat von Sozialminister Manne Lucha (Grüne) eine Sonderzuteilung von Impfstoffen aus einem EU-Notfallkontingent gefordert. Zudem darf man auch tagsüber das Haus nur noch mit triftigem Grund verlassen.

Dass ein harter Lockdown das Infektionsgeschehen eindämmt, zeigen nicht nur die deutschen Erfahrungen aus der zweiten Welle – sondern zuletzt auch die Zahlen aus Großbritannien, Portugal und Teilen Spaniens. Gleichwohl beobachtet man auch im benachbarten Ausland einen Jo-Jo-Effekt: Während des Lockdowns sinken die Infektionszahlen – nach Öffnungsschritten steigen sie wieder an.

Ausgangssperren zählen andernorts zum festen Repertoire der Maßnahmen. Hierzulande schreckt man davor noch zurück – nicht zuletzt, weil der Verwaltungsgerichtshof Mannheim Mitte Februar die landesweite Regelung aufgehoben hatte. Allerdings zählte Baden-Württemberg während der nächtlichen Ausgangsbeschränkung zu den Ländern mit den niedrigsten Infektionszahlen.

Welche Rolle spielt die Virusmutation?
Das Coronavirus hat sich gewandelt. Hierzulande hat die britische Virusmutation B117 den Wildtyp weitgehend verdrängt. Die rasche Ausbreitung von B117 und die in der Folge stark steigenden Infektionszahlen bestätigen das Ergebnis mehrerer Studien, dass die Variante ansteckender ist. Um wie viel Prozent, ist nicht genau klar – nur, dass bei dem für Corona typischen exponentiellen Wachstum schon kleine Verschiebungen schnell einen großen Unterschied machen. Entsprechende Prognosen waren seit Februar verfügbar und haben sich im Kern bestätigt. Unklar ist, wie stark die Inzidenz steigt und wie lange. Das hängt vom Impftempo ebenso ab wie von den Anti-Corona-Maßnahmen und deren Akzeptanz in der Bevölkerung. Gegen die ansteckenderen britischen und südafrikanischen Mutationen sind eingeübte Schutzmaßnahmen nicht mehr so wirksam. Ansteckungen etwa im Freien sind selten – aber mit den Mutanten trotzdem wahrscheinlicher.

War die Bevölkerung zu sorglos?
Wer niemanden trifft, kann sich nicht anstecken. Das ist eine einfache Erkenntnis. Menschen können sich jedoch nicht komplett isolieren, und nicht alle arbeiten von daheim. Dennoch macht es einen Unterschied, wie vielen Menschen man begegnet und unter welchen Umständen.

Die Erfurter Cosmo-Studie zeigt eine nachlassende Akzeptanz der Anti-Corona-Maßnahmen und eine leicht verringerte Risikowahrnehmung. Zur sogenannten Pandemiemüdigkeit kommt ein deutlicher Rückgang beim Vertrauen in die Bundesregierung. Eine Yougov-Umfrage bestätigt das: 59 Prozent der Befragten sind demnach mit der deutschen Pandemiepolitik unzufrieden.

Das ist gefährlich: Wer den Regierenden nicht traut, hält sich vermutlich weniger an die von ihnen beschlossenen Regeln. Das muss nicht so weit führen wie bei den Querdenken-Demos, wo sich Tausende ohne Maske und Abstand einem erheblichen Infektionsrisiko aussetzen. Es reicht schon, mehrere Menschen daheim zu treffen oder sich zu dritt auf einer Picknickdecke niederzulassen. Allerdings stieg in der ersten und zweiten Welle mit den steigenden Infektionszahlen auch die Akzeptanz strengerer Maßnahmen.

Welchen Anteil haben die Kinder am Infektionsgeschehen?
Der Anteil der Infektionen bei Kindern und Jugendlichen ist im Südwesten auf 20 Prozent gestiegen. Das sei auf die Öffnung von Kitas und Schulen zurückzuführen, so der Chefepidemiologie des Landesgesundheitsamts, Stefan Brockmann. Auch bundesweit werden mehr Infektionen unter Kindern und Jugendlichen bestätigt. In Kitas häufen sich Ausbrüche, an denen Kinder beteiligt sind.

„Eine ähnliche Entwicklung deutet sich für die Schulen an“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem Lagebericht vom Montag. Die leichter übertragbaren Virusvarianten spielten „nach den uns vorliegenden Hinweisen eine Rolle“. Allerdings steigt auch die Anzahl der Coronatests bei unter 14-Jährigen deutlich.

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen?
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts und der Stadt Köln für die Monate März 2020 bis Januar 2021 zeigt, dass die erste Welle der Pandemie vor allem die wohlhabenderen Stadtteile betraf. Im weiteren Verlauf konzentrierten sich Infektionen auf Stadtteile mit höherer Arbeitslosenquote, niedrigerem Mietspiegel und höherem Migrationsanteil. Allerdings konnten dort auch Infektionsverläufe leichter ermittelt werden.

Es ist unklar, inwiefern sich das verallgemeinern lässt. Allerdings ist bekannt, dass Menschen in beengten Wohnverhältnissen eher gefährdet sind – zumal, wenn sie nicht im Home­office arbeiten können und öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssen. Zudem spielt es eine Rolle, wie gut Menschen von Medien und Informationsangeboten erreicht werden: Wer mehr über die Pandemie weiß, verhält sich vorsichtiger, das zeigt die Erfurter Cosmo-Studie sehr deutlich.

Liegt es an den Tests, dass mehr Infektionen bekannt sind?
Mittlerweile sind Schnelltests breit verfügbar. Unter Experten ist noch umstritten, ob das zunächst zu einem Anstieg der Infektionszahlen führt. Denkbar ist es, weil mit Schnelltests die Dunkelziffer der symptomlos Infizierten ausgeleuchtet wird. Die Bewertung ist derzeit erschwert, weil es keinen Überblick zur Zahl der Schnelltests gibt und diese auch noch nicht so verbreitet sind wie von der Politik versprochen. Lediglich positive Antigen-Schnelltests in einem Testzentrum, einer Arztpraxis oder Apotheke sind meldepflichtig.

Ein Effekt kann sich nur indirekt im Anteil der positiven PCR-Tests zeigen. Eine SWR-Analyse der Zahlen bis Mitte März ergab, dass nur einem sehr geringen und zudem konstanten Anteil positiver PCR-Tests auch ein Schnelltest voranging. Mehr wird man vermutlich erst im April wissen.

Welchen Einfluss hat das Wetter auf das Infektionsgeschehen?
An der frischen Luft ist das Infektionsrisiko geringer. Das zuletzt kühle Wetter sprach eher für Treffen in Innenräumen. Die sind nur sehr begrenzt erlaubt, finden aber trotzdem statt. Ein Einfluss des Wetters auf die Infektionen lässt sich kaum in Zahlen fassen, ist aber wahrscheinlich.

Andererseits sind die Menschen mehr unterwegs, wenn die Sonne scheint. Das zeigt eine Analyse des Statistischen Bundesamts. Jede zusätzliche Sonnenstunde am Wochenende führte im vergangenen Jahr demnach zu mehr Mobilität.