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Pharmaunternehmen Curevac-Börsenwert stürzt nach Impfstoffenttäuschung ab

14:16
17.06.2021
Der Impfstoffkandidat von Curevac war ein Hoffnungsträger im Kampf gegen Corona, unterstützt mit millionenschweren Staatsbeteiligungen und Finanzspritzen. Doch nun enttäuscht die Wirksamkeit des Stoffs - und die Aktie des Unternehmens bricht ein.

Tübingen - Der Börsenwert des Biotechnologieunternehmens Curevac ist am Donnerstag massiv abgestürzt.

Das in Tübingen ansässige Unternehmen musste am späten Mittwochabend einräumen, dass der eigene Impfstoffkandidat CVnCoV in einer Zwischenanalyse nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung "jeglichen Schweregrades" erzielt habe.


Der Anteilsschein notierte am Mittag im Xetra-Handel bei rund 43 Euro, das ist ein Minus von 40 Prozent. Im Tagestief war es sogar um mehr als 50 Prozent auf gut 39 Euro abwärts gegangen, womit ein Rekordtief nur knapp vermieden wurde. Im Herbst vergangenen Jahres hatten Spekulationen um den Impfstoff von Curevac den Aktienkurs der Tübinger binnen fünf Wochen von gut 40 auf mehr als 120 Euro nach oben schießen lassen. Etwa zu dieser Zeit hatte Curevac die Zulassung in der EU und in Lateinamerika ins Auge gefasst - aus der bisher aber nichts wurde.

Während der ersten Corona-Infektionswelle 2020 wurde Curevac zu einem so großen Hoffnungsträger, dass sich der deutsche Staat im Rahmen einer Finanzierungsrunde über die Förderbank KfW mit 300 Millionen Euro am Unternehmen beteiligte - wohl auch deshalb, um Fremdzugriffe auf das Know-How zu verhindern. Medienberichten zufolge hatten die USA unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump zuvor versucht, sich exklusiv die Rechte an einem Impfstoff gegen das Coronavirus von Curevac zu sichern.


Später erhielt Curevac für die Forschung an einem Corona-Impfstoff noch eine Finanzspritze des Bundes von 252 Millionen Euro. Zuletzt war der Bund noch mit rund 16 Prozent an den Tübingern beteiligt. Zudem verschaffte sich Curevac 2020 über einen Börsengang in New York sowie mehrmals über Kapitalerhöhungen frisches Geld. Das Unternehmen vereinbarte eine Partnerschaft mit dem Leverkusener Pharmakonzern Bayer. Wacker Chemie hat eine Vereinbarung mit Curevac für eine Auftragsproduktion des Impfstoffes.


Historisch noch enger verzahnt ist Curevac allerdings mit dem SAP-Mitgründer und Investor Dietmar Hopp, der nach wie vor mit rund 47 Prozent größter Aktionär des Unternehmens ist. Hopp investiert seit Jahren privat im Bereich von Biotechnologieunternehmen.

dpa

Konjunkturprognosen Ökonomen sehen deutsche Wirtschaft vor dem Auschwung

14:12
17.06.2021
Die Coronazahlen sinken, das öffentliche Leben erwacht, Menschen holen lang Entbehrtes nach: Volkswirte gehen von einem milliardenschweren Konsumstau aus, der sich nun auflöst.

Kiel/Berlin/Essen - Die deutsche Wirtschaft steht nach Einschätzung von Konjunkturforschern vor einem kräftigen Aufschwung.

Nach der tiefen Corona-Rezession 2020 und der erneuten Vollbremsung Anfang 2021 dürfte der Konjunkturmotor allerdings nicht mit dem von Vizekanzler Olaf Scholz erhofften "Wumms" starten - sondern eher in zwei Stufen zünden, wie mehrere Forschungsinstitute in ihren aktuellen Prognosen berichteten.

Wesentliche Stütze ist demnach zunächst nur der private Konsum. In der Industrie dürfte es wegen der erheblichen Störungen in den globalen Lieferketten erst in der zweiten Jahreshälfte rund laufen: Das Verarbeitende Gewerbe sitzt zwar auf prall gefüllten Orderbüchern, kann die Aufträge wegen Lieferengpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten aber oft nicht abarbeiten.


Verzögerung in der Industrie

"Vorerst verzögern wird sich die Erholung jedoch in der Industrie. Die weltweit kräftige Erholung hat vielschichtige Lieferengpässe mit sich gebracht, die die Produktion vieler Unternehmen spürbar behindern", heißt es beim IfW. Trotz der sehr guten Auftragslage werde die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe "deshalb wohl erst in der zweiten Jahreshälfte wieder nach und nach auf ihren Erholungskurs einschwenken". Zudem stößt die Nachfrage nach Einschätzung des Dekabank-Chefvolkswirts Ulrich Kater zunehmend auf Grenzen bei ihren Kapazitäten, die in der Pandemie eher geschrumpft sein dürften.


In Summe sind die Erwartungen der Wirtschaftsforscher allerdings durchweg positiv: "Deutsche Wirtschaft mit spätem Frühlingserwachen", heißt es beim Berliner DIW. Der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths sagt: "Der deutsche Konjunkturkessel steht unter Dampf." Oder: "Die Konjunktur in Deutschland nimmt im Zuge der Lockerungen der Infektionsschutzmaßnahmen wieder Fahrt auf", heißt es beim Konjunkturchef des Essener RWI, Torsten Schmidt.

2020 war die Nummer vier der Weltwirtschaft unter dem Eindruck der Coronapandemie um 4,8 Prozent eingebrochen. Das IfW rechnet nun für 2021 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent (Märzprognose: 3,7). Das DIW traut der größten europäischen Volkswirtschaft einen Zuwachs von 3,2 (zuvor: 3,0) Prozent zu - und das RWI stockte seine Erwartungen auf 3,7 (3,6) Prozent auf. Einzig das Münchner Ifo-Institut hatte am Vortag auf 3,3 (3,7) Prozent reduziert - und dabei die Bremseffekte der Lieferengpässe in den Vordergrund gerückt.

Prognose: Deutlich stärkeres Wachstum 2022

Für 2022 gehen alle Forscher von einem deutlich stärkeren Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus: Die Vorhersagen liegen zwischen 4,3 Prozent (Ifo und DIW) und 4,7 (RWI) oder 4,8 Prozent (IfW). Der vor Corona boomende deutsche Arbeitsmarkt sollte damit den Prognosen zufolge - gemessen an Beschäftigten- und Arbeitslosenzahlen - im kommenden Jahr wieder an das Vorkrisenjahr 2019 anknüpfen.

Bei den privaten Haushalten haben die immer wieder nötigen Lockdowns mit Schließungen beispielsweise von Einzelhandel, Fitnessstudios oder Kinos zu einem gewaltigen Konsumstau geführt, der zu beispiellosem Sparen geführt hat: "Im Vergleich zu einem Szenario, in dem die Sparquote auf ihrem Vorkrisenniveau verblieben wäre, beträgt unserer Prognose zufolge die im vergangenen und in diesem Jahr aufgestaute Kaufkraft zusammengenommen rund 200 Milliarden Euro bzw. 10 Prozent des verfügbaren Einkommens (im Jahr 2019)", schreiben die IfW-Konjunkturforscher.

Auch die staatlichen Stützungsleistungen - zum Beispiel die Mehrwertsteuersenkung in der zweiten Hälfte 2020 sowie monetäre Sozialleistungen wie Kurzarbeitergeld - hätten sich zu einem großen Teil bislang aufgestaut.

Mit der sukzessiven Lockerung der Corona-Maßnahmen erwacht nun das öffentliche Leben - und das bei den Haushalten zurückgehaltene Geld rollt auf Händler, Dienstleister und Gastronomen zu. Das IfW erwartet, dass damit die privaten Konsumausgaben 2021 um 2,4 Prozent und 2022 sogar um 8,2 Prozent zulegen - mit einem Unsicherheitsfaktor: "Es ist weiterhin offen, wieviel der zwischenzeitlich aufgestauten Kaufkraft für zusätzliche private Konsumausgaben aufgewendet werden wird."

Alle Prognosen "auf wackligen Beinen"

Zudem ist noch lange nicht ausgemacht, ob sich die Corona-Lage weiter entspannt. Alle Prognosen stünden "auf wackligen Beinen, solange die Corona-Pandemie nicht nachhaltig eingedämmt ist", hob das DIW hervor. "Insbesondere die Dienstleistungsbereiche profitieren jetzt von den Lockerungsmaßnahmen", sagte dessen Konjunkturexperte Claus Michelsen. "Erst wenn die Impfquote so hoch ist, dass zumindest annähernd eine Herdenimmunität erreicht ist, werden wir einen nachhaltigen Aufschwung erleben."

Schließlich bleibt auch offen, wie sich die Transportlage im internationalen Seeverkehr entwickelt, die bei vielen Unternehmen als Stolperstein auf dem Weg aus der Coronakrise gilt. Die Pandemie hat die Linienpläne auf den maritimen Schlagadern rund um den Globus seit langem kräftig durcheinandergewirbelt. Der tagelange Stau im Suezkanal - ausgelöst durch die Havarie des Containerfrachters "Ever Given" im März - beeinträchtigte die ohnehin angespannten Lieferketten zusätzlich.

Als neuestes Problem kam ein Corona-Ausbruch in China hinzu, der im riesigen Hafen von Yantian in der chinesischen Provinz Shenzen Reedereien zu Planänderungen zwingt. Namhafte Industrieverbände hatten angesichts dieser Lage in einem Brandbrief an die Bundesregierung auf Verschlechterungen bei Zuverlässigkeit und Qualität im Container-Seeverkehr hingewiesen, insbesondere auf den Strecken zwischen Asien, Nordamerika und Europa.

dpa

Rechnungshof übt Kritik: "Überbeschaffung" von Corona-Schutzmasken

14:12
17.06.2021
Das Corona-Krisenmanagement war auch für den zuständigen Minister Spahn eine Ausnahmesituation. Trotzdem durchleuchten amtliche Prüfer das Vorgehen der Regierung - und beanstanden jetzt weitere Punkte.

Berlin - Der Bundesrechnungshof hat die zentrale Beschaffung von Corona-Schutzmasken durch das Bundesgesundheitsministerium im Frühjahr 2020 scharf kritisiert.

Anzuerkennen sei, unter welch hohem Einsatz es half, eine Notlage im Gesundheitswesen abzuwenden, heißt es in einem Bericht an den Bundestag.

Die Prüfer rügen jedoch das "Fehlen einer systematischen Mengensteuerung". Die aus "massiver Überbeschaffung resultierenden Lagerbestände" und die aufgewendeten Haushaltsmittel in Milliardenhöhe seien "nicht wirtschaftlich für eine wirksame Pandemiebekämpfung eingesetzt" worden. Ressortchef Jens Spahn (CDU) rechtfertigte das Vorgehen in der Krise, aus dem aber Lehren zu ziehen seien. Die Opposition forderte rasche Aufklärung.

Die kontrahierte Gesamtmenge aus allen Beschaffungswegen übersteige mit 5,8 Milliarden Schutzmasken selbst einen vom Ministerium "auf der Grundlage sachfremder Annahmen" berechneten Jahresbedarf von 4,7 Milliarden Masken noch um 23 Prozent, heißt es in dem Bericht. Er liegt der Deutschen Presse-Agentur vor, auch der "Spiegel" berichtete darüber. Zu den Beschaffungsausgaben von 6,3 Milliarden Euro kämen Kosten von bislang 320 Millionen Euro etwa für Transport, Lagerung, Qualitätsprüfungen und externe Beratung hinzu - diese könnten durch Rechtsstreitigkeiten und Entsorgungskosten aber weiter steigen.


Der Lagerbestand habe am 1. April 2021 insgesamt 2,4 Milliarden Masken betragen, heißt es im Bericht. "Davon gelten weite Teile als streitbefangen, weil sie Qualitätsprüfungen nicht bestanden haben." Der Bundesrechnungshof forderte das Ministerium auf, eine "zeitnahe Verteilung qualitätsgeprüfter und einsetzbarer Lagerbestände zur Pandemiebekämpfung zu prüfen" - besonders deshalb, weil nach Ablauf des Verfallsdatums weitere Ausgaben für die Entsorgung anfielen. Es sei auch kritisch zu prüfen, ob für die künftige Pandemievorsorge auf Bundesebene eine physische Bevorratung von Schutzmasken für das Gesundheitswesen überhaupt zielführend und wirtschaftlich sei.

Spahn sagte zu den Beanstandungen des Rechnungshofs am Donnerstag in Berlin: "Ja, es stimmt: In dieser Notlage haben wir tatsächlich unkonventionell handeln müssen." Er könne sich erinnern, wie Universitätskliniken wegen fehlender Masken fürchteten, den Betrieb einstellen zu müssen. Dann könne man sagen, man habe gerade keine Struktur für eine Lösung - stattdessen habe das Ministerium aber auf verschiedenen Wegen alles versucht "und auch viel bezahlt, das ist wahr." Als Lehre daraus gelte es jetzt zu schauen, dass es nicht noch einmal so komme.

So werde auch mit dem Bundesinnenministerium beraten, mehr operative Einheiten für solche Fragen zu bekommen. Das Gesundheitsministerium sei eigentlich ein Gesetzgebungsministerium. Ein weiterer Punkt sei die geplante nationale Reserve, auch mit "rollierenden" Konzepten, die das Haltbarkeitsdatum von Schutzgütern berücksichtigen. Zudem solle nun eine Impfstoff-Produktionskapazität von 500 Millionen bis 700 Millionen Dosen pro Jahr ausgeschrieben werden, auf die gegen eine Vorhaltegebühr im Fall der Fälle rasch ein Zugriff möglich sei.

Der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke forderte schnelle Aufklärung der deutlich gewordenen neuen offenen Fragen noch vor der Bundestagswahl. "Das wird nur noch eine von allen Fraktionen anerkannte Sonderermittlerin leisten können." Union und SPD müssen endlich ihre Blockade aufgeben. "Nur wenn wir jetzt aufklären, werden wir einen langwierigen Untersuchungsausschuss nach der Wahl vermeiden können." Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", künftig müsse ein abgestimmtes Beschaffungsmanagement für Krisensituationen gelten. "Weitere unkoordinierte Aktionen können wir uns nicht leisten."

Der Bundesrechnungshof hatte dem Gesundheitsministerium kürzlich bereits vorgehalten, für die Verteilung von Schutzmasken Apotheken zeitweise deutlich mehr gezahlt zu haben als nötig. Eine "massive Überkompensation aus Steuermitteln" habe es demnach auch bei Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser gegeben.

dpa