Als Chef des einflussreichen Wirtschaftsverbands VBW ist er die Stimme der bayerischen Wirtschaft: Bertram Brossardt. Ein Gespräch über Krisenmanagement, Verhandlungen, Streiks und die oberfränkische Wirtschaft.
Hof/Coburg/Bayreuth/München - Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) ist das Sprachrohr von 147 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden sowie 45 Einzelunternehmen. In den Branchen ihrer Mitgliedsverbände sind nach Angaben der VBW bayernweit etwa 4,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig – das sind fast 90 Prozent aller Beschäftigten im Freistaat. In einem Interview stand VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt unserer Zeitung Rede und Antwort:
Herr Brossardt, Bund und Länder haben den Lockdown aufgeweicht und unternehmen erste Öffnungsschritte. Ist das der richtige Weg?
Allen Branchen wurden klare Perspektiven aufgezeigt und damit Planungssicherheit geschaffen. Darüber hinaus ist man vom Inzidenzwert 35 abgegangen. Das Schlimmste wäre, wenn man permanent zwischen kompletter Öffnung und Lockdown wechseln müsste. Das würde für die gesamte bayerische Wirtschaft zum allergrößten Schaden führen.
Welchen Beitrag kann die Wirtschaft zur Bekämpfung der Pandemie leisten?
Wir unterstützen die Möglichkeit der Impfung in den Betrieben. Sobald ausreichend Impfstoff vorhanden ist und die Impfprioritäten abgearbeitet sind, steht die bayerische Wirtschaft für den Einsatz von Betriebsärzten mit ihren betriebsärztlichen Diensten freiwillig zum Impfen der Belegschaften bereit. Bei uns haben sich bereits knapp 200 Unternehmen bereit erklärt. Die Zahl wächst immer weiter. Zusammen mit unserem bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek arbeiten wir jetzt mit Hochdruck daran, die entsprechenden Vorbereitungen zu koordinieren, damit dann, wenn die Zeit reif ist, sofort losgelegt werden kann.
Wie bewerten Sie insgesamt das Corona-Krisenmanagement von Bundes- und Staatsregierung?
Die Bundesregierung und vor allem die bayerische Staatsregierung tun das Notwendige, um unser Land durch die Pandemie zu führen. Vor allem die Verlängerung der Kurzarbeitssonderregelung bringt den Unternehmen Planungssicherheit und Liquidität. Die finanziellen Hilfen verschaffen vor allem Handel, Gastronomie und Hotelgewerbe mehr Zeit, den Lockdown zu überstehen.
In der Metall- und Elektrobranche – einer bayerischen Schlüsselindustrie – wird gestreikt. Wie sehr ärgert Sie das?
In der derzeitigen Corona-Krise sind Streiks vollkommen unverhältnismäßig und standortgefährdend, denn sie fallen in eine Zeit mit ungewisser Entwicklung der Corona-Pandemie, Kurzarbeit und notwendigem Beschäftigungsabbau. Gleichzeitig sind in manchen Betrieben Lieferketten durch Teileunterversorgung unterbrochen. Wenn jetzt Unternehmen bestreikt werden, die froh um jeden Auftrag sind, dann widerspricht das dem von der IG Metall ausgesprochenen Ziel der Beschäftigungssicherung vollkommen. Eine derartige Eskalation mitten in der Krise zeigt, dass die IG Metall Besonnenheit sowie Maß und Mitte verloren hat. Wir fordern die Beschäftigten auf, an den Standort zu denken. Organisationspolitische Interessen der Gewerkschaft dürfen nicht eine rasche und friedliche Einigung für die Beschäftigung konterkarieren.
Schon bei den jüngsten Tarifverhandlungen war es dem Vernehmen nach ziemlich emotional zugegangen.
Dass beide Seiten unterschiedliche Positionen haben und hart verhandelt wird, ist nicht ungewöhnlich. Aber ein konkreter Punkt hat uns als Arbeitgeberseite entrüstet: Die Veröffentlichungen der IG Metall haben nicht dem entsprochen, was wir in den Verhandlungen vorgetragen haben. Das ist kein guter Stil – und das haben wir auch zum Ausdruck gebracht.
Was hat denn die Verärgerung auf Arbeitgeberseite konkret ausgelöst?
Es ging um die Differenzierung im Hinblick auf eine Einmalzahlung und um eine Variabilisierung beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Nach unserem Vorschlag sollen Betriebe, denen es schlecht geht, auf die Zahlung der Einmalzahlung verzichten können. Wir haben eine enorme Bandbreite in der Branche. Aktuell laufen die Geschäfte bei 30 Prozent der Unternehmen ordentlich, während etwa 70 Prozent Probleme haben.
Dieser höchst unterschiedlichen Geschäftslage unserer Mitgliedsfirmen müssen wir Rechnung tragen. Und zwar durch flexible Lösungen statt mit Pauschalregelungen, die ein großer Teil unserer Betriebe in der aktuellen Situation nicht erfüllen kann. Schlicht unwahr ist die Behauptung der Gewerkschaft, dass wir den Mitarbeitern das Weihnachtsgeld nehmen wollen. Unsere Forderung ist vielmehr, dass sich Urlaubs- und Weihnachtsgeld an der Geschäftslage orientieren. Je nachdem, ob es dem Unternehmen gut oder schlecht geht, soll es höher oder geringer ausfallen.
Oberfranken steht vor einem erneuten industriellen Umbruch. Diesmal geht es nicht zuletzt darum, dass der Autozulieferbranche der Wandel hin zur Elektromobilität gelingt. Schafft die Region diesen erneuten Strukturwandel?
Oberfrankens Wirtschaft hat damals den Strukturwandel erfolgreich bewältigt und wird diese Herausforderung auch diesmal meistern. Der Wandel ist besonders für Betriebe, deren Geschäftsmodell am klassischen Antriebsstrang ausgerichtet ist, sehr intensiv. Der bisherige Zeithorizont sieht aber so aus, dass sich noch etwa zehn bis 15 Jahre mit einem solchen Geschäftsmodell arbeiten und Geld verdienen lässt, sodass es noch eine gewisse Übergangsphase gibt. Diese gilt es gemeinsam – Unternehmen, Arbeitnehmerseite und Politik – entschlossen zu nutzen.
Der oberfränkische DGB hat ein Transformationscluster Automotive angeregt. Dabei soll es auch um die Weiterqualifizierung von Beschäftigten gehen. Klingt doch nicht schlecht.
Mit dem Automobilforum Bayern haben wir schon ein solches Transformationscluster. Generell stellt sich die Frage, ob man derartige Transformationsprozesse regional runterbrechen kann. Es ist die Aufgabe von Unternehmern oder dem Management, eine Zukunftsstrategie für sein Unternehmen zu entwickeln. Viele Firmen haben hier die Weichen schon gestellt und nehmen dabei auch ihre Mitarbeiter mit, indem sie sie gezielt weiterqualifizieren.
Hilfreich ist, dass Staat und Arbeitsagenturen diesen Transformationsprozess begleiten. Es gibt nun eine Vielzahl von Unterstützungsmaßnahmen im Hinblick auf Weiterqualifizierung von Mitarbeitern. Bei der gesamten Diskussion gibt es einen Punkt, den die IG Metall völlig vernachlässigt.
Welchen meinen Sie?
Weder Oberfranken noch Bayern ist eine Insel. Vielmehr stehen unsere Industriebetriebe in einem harten internationalen Wettbewerb. Die hohen Arbeitskosten im Vergleich zu ausländischen Konkurrenten sind schon jetzt ein erheblicher Standortnachteil. Das gilt es zu verbessern. Keinesfalls dürfen unsere Unternehmen durch weitere finanzielle oder bürokratische Belastungen zusätzlich geschwächt werden.
Wo sehen Sie die bayerische Wirtschaft Ende dieses Jahres?
Das Vorkrisenniveau werden wir zwar noch nicht erreicht haben, aber ich bin zuversichtlich, dass wir bis dorthin im Hinblick auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie ein gutes Stück vorangekommen sind. Voraussetzung dafür ist allerdings eine kluge Strategie aus Vorsicht, Hygieneschutz auch in den Betrieben, umfangreichen Tests und konsequentem Impfen.