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Vorsichtiges Öffnen geplant - Bereits mehr als 70.000 Covid-Tote

16:04
28.02.2021
Öffnungen ja - aber vorsichtig: Das ist der Tenor wenige Tage vor der entscheidenden Bund-Länder-Runde. Bei vielen wächst die Angst, dass die dritte Welle nach Ostern mit voller Wucht durchs Land rollt.

Berlin - Wenige Tage vor den neuen Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Pandemie wird der Ruf nach mehr Freiheiten lauter. Gleichzeitig mehren sich eindringliche Warnungen vor einer mit Wucht durch Deutschland rollenden dritten Infektionswelle mit der gefährlicheren Virusvariante. Die Zahl der gemeldeten Gestorbenen an und mit Covid-19 stieg am Sonntag auf über 70 000.

Bereits am Samstag kletterte die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner um 1,2 auf 63,8. Am Sonntag verharrte diese Inzidenz laut Robert Koch-Institut (RKI) dort. Die Inzidenz war infolge des Lockdowns bis Mitte Februar gesunken und dann mit leichtem Auf und Ab gestiegen. Auch der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert stieg laut RKI-Angaben vom Samstag erneut um 0,03 Punkte auf 1,11. 100 Infizierte geben das Virus also rechnerisch an 111 weitere Menschen weiter.

Verantwortlich für die wachsenden Zahlen machen die Wissenschaftler die ansteckendere und wohl auch tödlichere Mutation B.1.1.7, die zuerst in Großbritannien etwa London lahmgelegt hatte. Ihr Anteil an den Infektionen war laut den führenden Laboren in Deutschland schon vorvergangene Woche auf 30 Prozent gestiegen und dürfte laut Wissenschaftlern absehbar das Geschehen dominieren. 157 neue Covid-19-Todesfälle kamen dazu - es sind nun 70 045 insgesamt.

Am 10. Februar hatten Bund und Länder den Winter-Lockdown bis 7. März verlängert - mit Ausnahme von Schulen, Kitas und Friseuren. Den nächsten Schritt sollte es eigentlich erst bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen pro 100 000 geben.

ÖFFNUNGSPLÄNE:
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kündigte an, ab Frühling könne es gängige Praxis werden, dass Gaststätten, Museen und Geschäften öffnen. Dafür sollen sie bei Kunden Schnelltests durchführen, wie sie „Bild am Sonntag“ sagte. „Wir müssen den Menschen sagen, in welchen Schritten wir vorangehen wollen“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) der Deutschen Presse-Agentur in Schwerin.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) setzt auf schnelles Reagieren vor Ort. „Niemand hat etwas davon, wenn wir Geschäfte öffnen und kurz danach wieder schließen“, sagte er im Deutschlandfunk. Nötig seien „sehr klare, präzise Festlegungen“ von Bund und Ländern inklusive Teststrategie - „eine Lösung aus einem Guss“.

Deutschland wird sich dabei nach Einschätzung von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) an seiner Hauptstadt orientieren. „Grundlage wird ein Stufenplan sein, den wir in Berlin schon formuliert haben“, sagte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz der dpa. Der Berliner Plan sieht abgestufte Öffnungen vor, etwa für Sport für Kinder bis 12, für Restaurant-Terrassen, Geschäfte oder Theater. Müller sagte, zu dem Plan zählten Schritte auch bei wieder steigenden Infektionszahlen.

Das RKI hatte bereits einen Plan vorgeschlagen - für regionale Öffnungen und Schließungen. Öffnungen soll es demnach erst bei einem milderen Infektionsverlauf in einem überwiegenden Teil der Kreise geben. Neben der Sieben-Tage-Inzidenz soll es ankommen auf: die Auslastung der Intensivstationen, Klinikfälle bei Älteren und die Chancen auf Nachverfolgen von Kontaktpersonen.

PROGNOSEN ZUR DRITTEN WELLE:

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte der „Bild am Sonntag“: „Öffnen ja - aber mit Vorsicht. Sonst droht ein Blindflug in die dritte Welle.“ Der Saarbrücker Experte für Corona-Prognosen, Thorsten Lehr, sagte der dpa: „Auch wenn die Lockerungen moderat sind, werden sie sich auswirken.“ Er gehe von einer Virusausbreitung im Land wie vor Weihnachten im April aus. Denn ab 7. März werde es wohl rund 20 Prozent mehr Kontakten geben. Die Kombination mit der Virus-Mutante bringe einen starken Anstieg. Auch ohne Lockerung würde Anfang April die 100er-Inzidenz erreicht.

Der Ärztliche Koordinator zur Bewältigung der Pandemie im Kreis Starnberg, Bernhard Junge-Hülsing, sagte der „Süddeutschen Zeitung“, es sei vorschnell, wenn viele Menschen jetzt auf Masken verzichten und die Behörden die Schulen öffnen. „Es besteht eine große Gefahr, dass wir in zwei, drei Wochen wieder in den Lockdown müssen.“

SCHWERPUNKT SCHULÖFFNUNGEN:

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will ab 8. März weitere Öffnungen an Grund- und weiterführenden Schulen, wie sie dem „Mannheimer Morgen“ sagte. Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), alle Schulen und die Kitas müssten umgehend wieder geöffnet werden, weil Schulen im Infektionsgeschehen keine nennenswerte Rolle spielten.

Nach einer Untersuchung des RKI hingegen spielen Schüler zwar keine größere Rolle. Es komme aber auch bei ihnen zu Übertragungen und Ausbrüchen. Lehrkräfte hätten ein sechsfach höheres Risiko als Sechs- bis Zehnjährige, an einem Corona-Infektionsausbruch an Schulen beteiligt zu sein. Nach Beginn des Lockdown light im November betrafen 90 Prozent aller Ausbrüche an Schulen bis zu neun Personen. In fünf Prozent infizierten sich mehr als 15 Menschen. Vereinzelte Ausbrüche umfassten bis zu 55 Fälle. Die Übertragungsrate in Sekundarschulen liege deutlich über der an Grundschulen.

ERWARTUNGEN BEI BEVÖLKERUNG UND KOMMUNEN:

In einer Umfrage des Insa-Meinungsforschungsinstituts für die „Bild am Sonntag“ sprachen sich 75 Prozent dafür aus, dass die Geschäfte im März wieder öffnen, 17 Prozent waren dagegen. Bei Restaurants wollen 54 Prozent der Befragten eine Öffnung im März, 35 Prozent lehnten dies ab. Auch bei Hotels (45 zu 37 Prozent), Kosmetiksalons (44 zu 32 Prozent) und Museen (42 zu 35 Prozent) überwogen die Öffnungsbefürworter. Anders sah es bei Kinos und Theatern aus. Hier sind 35 für eine Öffnung im März, aber 46 Prozent dagegen.

Niedrig Infektionswerte könnten nicht so lange abgewartet werden, bis Öffnungsmaßnahmen überall gerechtfertigt seien, sagte der Präsident des Deutschen Landkreistags, Reinhard Sager, der „Welt am Sonntag“. Benachbarte Kommunen und Länder sollten Öffnungsschritte koordinieren - ein gewisser „Shopping-Tourismus sei unvermeidbar.
Städtetagspräsident Burkhard Jung hingegen hält es für zu früh für umfassende Lockerungen. Dann müssten sie durch Schutzmaßnahmen und Tests flankiert werden, sagte er der Funke Mediengruppe.

Impfpass und Schnelltests: Ist ein Sommerurlaub möglich?

14:49
28.02.2021
Eine Entspannung bei den Corona-Zahlen ist nicht in Sicht, doch die Reisebranche lockt mit der Aussicht auf Sommerurlaub am Mittelmeer. Mehr Tests und ein digitaler Impfpass sollen das ermöglichen.

Berlin - Deutschlands Reiseveranstalter hoffen trotz der weiter hohen Corona-Zahlen auf eine Reisewelle zur Sommersaison.

Dabei setzen sie neben der Ankündigung von Schnelltests, die jeder selbst durchführen kann, vor allem auf Überlegungen der Europäischen Union, eine Art Corona-Impfpass für freies Reisen einzuführen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) fordert bei dem Thema Tempo. "Wir sollten schon jetzt mit Hochdruck am europäischen Impfpass arbeiten - am besten digital auf dem Smartphone", sagte Maas der "Bild am Sonntag". "Wir haben zu oft in dieser Pandemie wichtige Zeit verloren, weil wir für absehbare Probleme nicht frühzeitig Lösungen vorbereitet haben." Der Impfpass müsse rechtzeitig einsatzbereit sein, "wenn möglich auch schon zum Sommer".

Die Branche zeigt sich zuversichtlich. "Reisen in Europa wird im Sommer 2021 möglich sein - sicher und verantwortungsvoll", legt sich der Chef des Touristikkonzerns Tui, Fritz Joussen, bereits fest. "Ein europäischer Impfpass kann dabei helfen, Reisefreiheit wiederherzustellen. Daran besteht kein Zweifel." Mit Spanien, Griechenland und Zypern sei Tui bereits in enger Abstimmung für die Sommersaison. Weitere Mittelmeer-Länder würden bald folgen. Schon jetzt schlägt sich das Interesse am Urlaub Joussen zufolge wieder stärker in "Buchungen und Umsatz" nieder.

EU-Ratschef Charles Michel sagte zuletzt nach einem Gipfeltreffen, die 27 Staaten näherten sich beim Impfpass in ihren Vorstellungen an. Welche Rechte an das Dokument geknüpft sind, könne dann jedes Land für sich entscheiden. Die technische Entwicklung des EU-Impfpasses soll allerdings noch rund drei Monate dauern. Und geimpft sind bisher vor allem ältere und pflegebedürftige Menschen, die im Sommer nicht unbedingt nach Mallorca oder Malta fliegen werden.

Der Geschäftsführer von DER Touristik Deutschland, Mark Tantz, bezeichnete den jüngsten EU-Gipfel dennoch als Meilenstein. "Der digitale Impfpass wird eine erhebliche Erleichterung für den Reiseverkehr und insbesondere auf der Fernstrecke ein wichtiges Instrument werden", sagte er. Darüber hinaus werde eine ausgereifte Teststrategie "uns bis zur Herdenimmunität in den Weg zur Normalität führen".

Für die Branche ist eine starke Sommersaison bitternötig. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) verzeichneten die deutschen Reiseveranstalter und -büros im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 80 Prozent, im Januar sogar von mehr als 90 Prozent. DRV-Präsident Norbert Fiebig appellierte daher: "Die Menschen, die endlich wieder raus möchten, brauchen eine Perspektive, aber auch die Unternehmen, die Reisen anbieten und vermitteln, sowie die fast drei Millionen Beschäftigten im Tourismus." Zudem seien die Urlaubsländer auf Touristen angewiesen.

Die Lufthansa geht davon aus, dass Reisen in Gebiete mit überschaubaren Infektionszahlen mit einer umfassenden Teststrategie wieder möglich werden. International anerkannte digitale Impf- und Testnachweise seien für das Wiederanlaufen des Flugverkehrs von hoher Bedeutung, sagte eine Sprecherin.

Doch wer in Pandemiezeiten Flüge bucht, der muss auch mit Annullierungen rechnen. Das hat sich zuletzt bei den Gerichten bemerkbar gemacht. "Die Annahme, dass der eingeschränkte Luftverkehr zu einem längerfristigen Verfahrenseinbruch bei den Amtsgerichten führt, hat sich nicht bestätigt", sagte der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Richterbundes, Sven Rebehn, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Sonntag, online). Demnach sind im Lockdown im Frühjahr 2020 die Zahlen zwar zunächst stark zurückgegangen, im zweiten Halbjahr zogen sie jedoch deutlich an. Seit dem Sommer ging es dabei verstärkt um pandemiebedingte Streitigkeiten um Kostenerstattungen nach annullierten Flügen.

Und es gibt auch Veranstalter, die nicht ganz so optimistisch sind. "Die Diskussion um den Impfpass ist aus unserer Sicht zu früh angesetzt", sagte Manager Ralph Schiller vom Reisekonzern FTI. "Noch ist der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung viel zu gering, als dass ein Impfpass zum jetzigen Zeitpunkt eine echte Veränderung für die Reisebranche und Urlauber bedeuten würde." In den nächsten Monaten sei längst nicht mit Gästezahlen wie vor Corona zu rechnen, wenn die Möglichkeit zu verreisen an den Impfpass gekoppelt werde. Eine technische Umsetzung des Passes bis Herbst wäre für ihn "vollkommen ausreichend". Wichtiger seien kurzfristig breite Testmöglichkeiten.