Mit einem Inzidenz-Wert von knapp unter 300 sind dem Landratsamt Kulmbach die Hände gebunden. Die Behörde wehrt sich gegen Kritik von Bürgern.
Kulmbach - Mit der Aussicht, dass 90 Prozent der bayerischen Schülerinnen und Schüler schon bald wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehren können, während das im Landkreis Kulmbach noch in weiter Ferne steht, wächst die Kritik. Die Verantwortlichen des Landratsamts müssen sich viel anhören in diesen Tagen, berichtet Landrat Klaus Peter Söllner. Dabei gehe es um viele Themenbereiche.
Einer davon: Die nun schon elf Wochen andauernde Schließung der Schulen und Kitas. „Von einer Öffnung der Schulen kann derzeit in ganz Ostoberfranken keine Rede sein“, machte Landrat Söllner am Freitagmittag deutlich.
„Wir wissen um die schwierige Situation, in der sich unsere Schüler und auch deren Eltern befinden“, sagte Söllner. Doch nicht nur allein, weil das Gesetz es nicht anders möglich macht, sondern gerade wegen der Art des Ausbruchsgeschehen, das sich momentan verstärkt in Familien abspielt, brauche man über eine Schulöffnung nicht nachdenken. „Das wäre das falsche Signal.“
Oliver Hempfling, Chef des Krisenstabs am Landratsamt, kann den Ärger und die Not von Eltern gut verstehen. Er sei selbst in der Situation. Als Vater schulpflichtiger Kinder habe er derzeit nicht nur die Aufgabe, am Landratsamt ein Sachgebiet zu leiten, im Krisenstab eine sehr wichtige Rolle zu spielen; er müsse zu Hause auch das Homeschooling betreuen und ebenso wie alle anderen auch Krisen abfedern, in die Kinder angesichts der Situation derzeit kommen.
Es berühre ihn, wenn nun immer wieder in kritischen Briefen gleich die gesamte Strategie des Landratsamtes infrage gestellt und Kritik persönlich werde. Hempfling machte deutlich: „Als Amt sind wir an Recht und Gesetz gebunden. Jede Form einer Öffnung, auch der Schulen, wird rechtlich gesteuert und legitimiert. Nicht von uns im Landratsamt übrigens, sondern vom Bund oder vom Land.“ Am Mittwoch seien auf Bundesebene Lockerungen beschlossen worden, am Donnerstag im bayerischen Kabinett.
Viele profitierten davon. „So leid es auch mir persönlich tut: Alles, was da an Lockerungen steht, wird für uns in Kulmbach nicht greifen. Aber darauf haben wir keinen Einfluss.“ Die Pandemie sei kein rechtsfreier Raum. „Sonst landen wir in der Anarchie.“ Gerade auch im Hinblick auf das wichtige Thema der Rückkehr der Kinder in die Schulen sei einmal mehr jeder Einzelne gefragt. Größtmögliche Vorsicht legt Hempfling jedem ans Herz. Nur gemeinsam könne es gelingen, die Inzidenzwerte wieder nach unten zu bringen. Ob Kritik oder nicht: „Ein Amt allein wird das nicht schaffen.“
Schulamtsleiter Michael Hack machte deutlich: „In der nächsten Woche wird es keine Öffnung der Schulen geben.“ Außer den Klassen, die derzeit an den Gymnasien oder am Beruflichen Schulzentrum im Wechselunterricht noch zur Schule gehen dürfen, müssen alle anderen weiterhin zu Hause bleiben. „Die Zahlen geben eine Öffnung nicht her.“ Das gelte umso mehr vor dem Hintergrund, als gerade im Landkreis Kulmbach das Ausbruchsgeschehen immer weiter in die Familien verlagert werde.
Er könne die Kritik, die von Eltern kommt, durchaus verstehen, sagt Hack. Auch beim Schulamt kommen Briefe an, gehen E-Mails und Anrufe ein. Doch die Bandbreite sei praktisch unendlich. Auf der einen Seite argumentierten Eltern, ihren Kindern werde durch die lange Schließung Leid zugefügt. Sogar auf psychischen Erkrankungen werde hingewiesen. „Und wieder andere schreiben uns, wie wir auch nur daran denken können, die Schulen wieder aufzumachen.“
So oder so, auch für Michael Hack ist klar, dass es nicht seine Entscheidung und auch nicht die des Landratsamtes ist. Der Gesetzgeber gebe die Regeln vor. Die Behörden müssen sie umsetzen. „Wir können nicht bestimmen, wann wir aufsperren. Natürlich wollen auch wir die Kinder schnellstmöglich wieder in den Schulen haben.“
Doch genau das sei nun mit der hohen Inzidenz eben nicht möglich. Präsenzunterricht, wie er Schülern in anderen Landkreisen mit niedrigeren Coronazahlen nun bald wieder ermöglicht wird, ist laut Hack in Kulmbach nicht drin. Die Hoffnungen ruhen nun auf dem 15. März. Sollten die Zahlen es dann erlauben, werde umgehend gehandelt. Bis dahin bleibe es allerdings dabei, dass ein Präsenzunterricht für alle Schülerinnen und Schüler nicht erlaubt ist.
Die Abschlussklassen der Kulmbacher Gymnasien und der FOS/BOS in Kulmbach, die in wenigen Wochen Abitur schreiben, können weiter im Wechselunterricht zur Schule gehen und sich auf ihre Prüfungen vorbereiten. Weiterhin komplett im Distanzunterricht bleiben die Abschlussklassen der Realschulen und Mittelschulen ebenso wie alle anderen Klassen dieser Schultypen. Dies nicht etwa deswegen, weil deren Abschluss unwichtiger ist, sondern weil deren Abschlussprüfungen erst später stattfinden.
Die Abiturklassen, machte Oliver Hempfling deutlich, seien die einzigen, deren Unterricht nicht von der Höhe der aktuellen Inzidenz abhängt. Auch das werde von Bürgern kontrovers betrachtet. Hempfling räumte ein, dass es am Landratsamt sehr wohl ein Thema sei, ob auch die Abiklassen in den Distanzunterricht geschickt werden sollten. Mehrfach habe man sich bereits mit den Schulleitern abgestimmt, auch am Freitag wieder. Doch man habe sich entschlossen, es wenigstens vorerst beim Wechselunterricht zu belassen. Ein Grund dafür sei auch gewesen, dass bislang unter den Kulmbacher Abiturienten noch kein einziger aktueller Corona-Fall bekannt ist.
Damit ist klar: Die allermeisten Kulmbacher Schüler werden nun auch in der zwölften Woche in Folge zu Hause bleiben müssen und online lernen. Den Blick auf die aktuelle Inzidenz richten wohl die meisten in der Hoffnung, dass die Zahl 100 bald in greifbare Nähe rückt.