Vor dem EU-Gipfel hat Österreichs Kanzler Sebastian Kurz abermals eine neue Verteilung von Corona-Impfstoffen in der Europäischen Union angemahnt. Die Solidarität in der EU stehe auf dem Spiel, sagte der konservative Politiker der «Welt» (Mittwoch). Die Impfkampagne und der Kampf gegen Corona ist Topthema der Videokonferenz der Staats- und Regierungschefs am Donnerstag. Auf der Agenda stehen zudem brisante Fragen zum Verhältnis zu Russland und zur Türkei. US-Präsident Joe Biden schaltet sich zeitweise zu.
Angesichts der anschwellenden dritten Corona-Welle fast überall in der EU versucht die Staatengemeinschaft, nun endlich mehr Impfstoff zu bekommen und schneller zu impfen. Die EU-Kommission beschloss am Mittwoch auch mit diesem Ziel eine Verschärfung der Exportkontrollen.
Demnach könnten künftig Impfstoffausfuhren in Staaten untersagt werden, die selbst keine Impfstoffe oder Rohstoffe aus dem Land lassen. Ziel seien nicht Exportverbote, sondern eine faire Versorgung der EU. «Wir müssen schnelle und ausreichende Lieferungen an die EU-Bürger sicherstellen», erklärte Kommissionschefin Ursula von der Leyen. «Jeder Tag zählt.»
Österreichs Kanzler Kurz will bei dem Treffen die Impfstoffverteilung innerhalb der EU zur Sprache bringen, falls es bis dahin keine Lösung gibt. Österreich und einige andere Ländern fordern die Neuverteilung bereits seit Mitte März. Kurz sagte der «Welt», die Auslieferung der Dosen sei nicht wie vereinbart gleichzeitig und nach Bevölkerungsanteil an alle EU-Staaten erfolgt, sondern nach Bestellmenge. Das könnte die Kluft in der EU vertiefen, sagte der ÖVP-Politiker. Der deutsche Europa-Staatsminister Michael Roth (SPD) hatte der Forderung bereits am Dienstag eine Absage erteilt.
Die Debatte zur Russland-Politik dürfte nach Angaben von EU-Diplomaten beim Gipfel relativ kurz ausfallen. Geplant sei eine Information durch Ratschef Charles Michel nach seinem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Eine vertiefte Grundsatzdebatte dürfte bei einem späteren Gipfel folgen.
Ähnlich ist es mit den Beziehungen zur Türkei, die durch den Erdgasstreit im östlichen Mittelmeer seit Monaten belastet sind. Für die EU geht es unter anderem die Zukunft des Flüchtlingspakts mit Ankara von 2016. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, es sei klar, dass jetzt noch nicht alle Entscheidungen gefällt würden. Doch sei vorstellbar, dass zur Finanzierung der syrischen Flüchtlinge in der Türkei ein politischer Beschluss gefasst werde, der dann umgesetzt werden müsse.
Die Organisation Human Rights Watch warf der türkischen Führung einen beispiellosen Angriff auf Menschenrechte vor und rief die EU vor dem Gipfel zum Handeln auf. Auch die Grünen fordern Druck auf die Türkei. Bundesregierung und EU seien gefordert, «endlich alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel zu nutzen, um auf Demokratie und Menschenrechte zu drängen», sagte die Grünen-Politikern Claudia Roth der Deutschen Presse-Agentur.