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Unterwegs mit der Pandemie-Patrouille

17:17
09.12.2020
Die ältere Dame will es nicht so recht verstehen. Mit beiden Händen steht sie am Eierstand, klammert sich an ihren Rollator und schaut stur an den Beamten vorbei. Zum dritten Mal schon ist ihr nun die Maske über die Nase gerutscht. «Sie müssen ihre Nase trotzdem bedecken», fordert der junge Beamte sie zum wiederholten Mal auf. Widerwillig zieht die Frau ihren Mund-Nasen-Schutz wieder ein Stückchen hoch, nur damit dieser zwei Sekunden später wieder runterrutscht. Der Polizist schüttelt leicht mit dem Kopf. «Das ist unverschämt», ruft die Frau. «Ihr könnt mich ruhig anzeigen - das ist mir egal!»

Mittwochs, 10.00 Uhr, Marienplatz in Stuttgart. Eine Gruppe junger Beamter der Stuttgarter Polizei schwärmt über den Platz aus. Corona-Kontrolle auf dem Wochenmarkt. Viel ist nicht los heute, das Wetter ist unfreundlich, es nieselt und es ist kalt. Mehrere große Schilder weisen auf Maskenpflicht und Abstandsregeln hin. Und doch dauert es nur zehn Sekunden, bis die Beamten den ersten Maskenmuffel ermahnen müssen: Auch er lässt die Maske frei unter der Nase baumeln. Nach dem Hinweis zieht er sie hoch und entschuldigt sich.

In ganz Baden-Württemberg führt die Polizei diese Woche Schwerpunkt-Kontrollen zur Einhaltung der Corona-Verordnung durch. Die Regeln wurden in den vergangenen Wochen immer wieder verschärft. Die Maskenpflicht gilt mittlerweile nicht mehr nur im ÖPNV und im Einzelhandel, sondern auch auf Wochenmärkten, überfüllten Fußwegen, auf Parkplätzen von Einkaufszentren, unter Umständen am Arbeitsplatz - überall dort, wo der Mindestabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden kann. Auch wenn der Staat immer wieder an die Eigenverantwortung der Bürger appelliert, erhöht er den Kontrolldruck. Denn die Infektionszahlen steigen, die Zahl der Toten auch. Die Lage ist brisant.

Der Großteil der Bevölkerung verhalte sich vorsichtig und verantwortungsvoll, lobte Innenminister Thomas Strobl (CDU) erst am Dienstag. «Aber es gibt einen kleinen, hartnäckigen Teil an Verantwortungsverweigerern und Leuten, die das Virus vorsätzlich unter die Leute bringen.» Deshalb brauche es Kontrollen. Allein am vergangenen Wochenende zählte die Polizei rund 6240 Verstöße gegen die Corona-Verordnung - 4400 davon Verstöße gegen die Maskenpflicht.

Eine junge Verkäuferin regt sich hinter ihrem Gemüsestand auf. Sie trägt keine Maske und verweist auf ein medizinisches Attest, will das Dokument aber den Beamten nicht aushändigen. Sie streckt ihnen den blauen Zettel nur über die Paprika und Tomaten hin. «Wer denken Sie, dass Sie sind!», ruft sie. Die Beamten pochen aber auf die Herausgabe des Schreibens und des Personalausweises. Sie hätten gehäuft mit gefälschten Attesten zu tun, die man sich aus dem Internet herunterladen könne, erzählen die Polizisten. Sie machen schließlich ein Foto von dem Dokument, um sich die Echtheit vom Arzt bestätigen zu lassen. Die Verkäuferin hat dafür kein Verständnis. «Man wird behandelt wie eine Kriminelle», ärgert sie sich.

Auch ihre Kollegin Petra Schneider hält wenig von Masken. Abstand sei viel wichtiger. Jede Woche fährt die 54-Jährige aus dem Remstal her, um ihr Bio-Gemüse auf dem Marienplatz zu verkaufen. Sie habe selbst ein Attest, weil sie bereits mehrfach beim Tragen in Ohnmacht gefallen sei. Weil sie keine Maske trage, werde sie aber überall angeschrien und angefeindet, erzählt sie. «Ich sag dann immer zu den Leuten: Seien Sie froh, dass Sie eine Maske tragen können.»

Rund 30 Beamte sind am Mittwoch allein in Stuttgart im Einsatz, decken alle Märkte ab und schwirren durch die Einkaufszentren. Am Ende der Patrouille auf dem Marienplatz stehen einige Ermahnungen und zwei Anzeigen. Die Polizei suche immer erst den Dialog, wolle den Bürgern ins Bewusstsein reden, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Stephan Widmann. Die Polizei habe aber immer Ermessensspielraum - auch abhängig davon, wie einsichtig die Leute reagieren. «Wir wollen die Leute nicht abzocken, sondern sensibilisieren.»

(dpa)

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