Einschränkungen, Verzicht und Abstand - das wird nicht ewig dauern, versprechen Spitzenpolitiker. Hoffnung gibt die Aussicht auf Impfstoffe. Doch wie sollen die möglichst schnell unters Volk gebracht werden?
Zum Beginn der Adventszeit hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Bevölkerung Mut zugesprochen. Obwohl wegen der Corona-Krise zunächst weiter Verzicht gefragt sei, könne Deutschland voller Zuversicht sein, schrieb das Staatsoberhaupt in einem Gastbeitrag für die «Bild am Sonntag». Denn die Fortschritte der medizinischen Forschung gäben Hoffnung, dass das Virus nicht dauerhaft den Alltag beherrsche: «Die Pandemie wird uns die Zukunft nicht nehmen.»
Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bemühte sich, Zuversicht zu verbreiten: «Wir haben ein großes Stück des Weges zurückgelegt», sagte sie in ihrem am Samstag veröffentlichen Video-Podcast . «Wir können annehmen, dass ein oder mehrere Impfstoffe nicht am Sankt Nimmerleinstag, sondern in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen können.»
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rechnet damit, dass im Dezember ein erster Impfstoff zugelassen wird. Für Impfungen müsse es dann rasch genügend medizinisches Personal geben, forderte der Deutsche Städtetag von den Ländern. «Wenn der Impfstoff da ist, dürfen die Impfungen nicht an fehlendem Personal scheitern», sagte Städtetagspräsident Burkhard Jung (SPD) der Deutschen Presse-Agentur. «Massenimpfungen» für die breite Bevölkerung werden nach seiner Einschätzung aber nicht vor dem nächsten Sommer möglich.
Nach dem aktuellen ZDF-«Politbarometer» will sich gut die Hälfte der Bürger (51 Prozent) impfen lassen, 29 Prozent sind sich da noch nicht sicher und 20 Prozent wollen das definitiv nicht.
In Deutschland meldeten die Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut (RKI) 14 611 neue Corona-Infektionen innerhalb von 24 Stunden und 158 neue Todesfälle, wie das RKI am Sonntag mitteilte. An Sonntagen und Montagen sind die Zahlen vergleichsweise gering, weil laut RKI am Wochenende weniger Proben genommen werden und insgesamt weniger getestet wird.
«Die Städte unterstützen selbstverständlich tatkräftig den Aufbau und Betrieb der Impfzentren», sagte Jung. «Sie sind in der Lage, zügig die notwendigen organisatorischen Vorbereitungen zu treffen. Das heißt zum Beispiel Gebäude anmieten und ausstatten.» Die Kosten, die den Kommunen entstünden, müssten Bund, Länder und Krankenkassen ausgleichen.
Die Impfungen selbst seien Aufgabe der kassenärztlichen Vereinigungen und ihrer niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, so Jung. Die Gesundheitsämter seien bereits ausgelastet. «Wir fordern die Länder auf, sich gemeinsam mit den kassenärztlichen Vereinigungen jetzt schnell um genügend medizinisch-pflegerisches Personal für die Impfzentren und die mobilen Impfteams zu kümmern.»
Gesundheitsminister Spahn hat die Länder nach eigenen Angaben gebeten, dass die Impfzentren Mitte Dezember einsatzbereit sein sollen. Jung warnte vor dem Eindruck, dass es ab Januar an vielen Orten Impfzentren geben könne. «Tatsächlich gehen wir aber davon aus, dass bis weit ins Frühjahr hinein vor allem mobile Impfteams in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser fahren», so Jung. Es dürfte keine unrealistische Erwartungen geweckt werden. «Massenimpfungen für die breite Bevölkerung werden nach den Plänen von Bund und Ländern frühestens ab dem Sommer möglich sein.»
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warf Spahn vor, falsche Erwartungen zu wecken. Irritierend seien zudem Äußerungen Merkels zur geplanten Reihenfolge, sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. Wissenschaftliche Regierungsberater hatten Vorrang für Ältere und Vorerkrankte empfohlen. Merkel sagte aber am Donnerstag: «Wir haben verabredet, dass diese Impfstoffe dann den Menschen angeboten werden, die im medizinischen, pflegerischen Bereich arbeiten, und sie als erste Zugriff darauf haben.»
Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) warb um Vertrauen. Die zugelassenen Impfstoffe würden «wirksam und vor allem sicher sein», versprach sie am Sonntag. Es sei erfreulich, dass sich rund die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger impfen lassen wollten, sagte sie der dpa. «Es wäre allerdings schön, wenn die Bereitschaft noch etwas steigen würde.»
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Durchimpfungsrate von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung nötig, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Karliczek bekräftigte, dass es keinen Impfzwang geben werde. Aber: «Je höher die Impfquote im Laufe der Zeit, desto eher ist es möglich, die vielen Einschränkungen aufzuheben und zu unserem normalen Leben zurückzukehren.»
Die beiden Infektions-Hotspots Passau in Bayern und Hildburghausen in Thüringen verschärften derweil die Auflagen. In Passau gilt seit Samstag, dass Bürger ihre Wohnung nur noch aus triftigem Grund verlassen dürfen, beispielsweise um zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen zu gehen. Der Kreis Hildburghausen verhängte nach einem unangemeldeten Corona-Protest ein Versammlungsverbot ab Sonntag.
In Frankfurt (Oder) demonstrierten nach Polizeiangaben am Samstag bis zu 1500 Menschen aus Deutschland und Polen gegen Corona-Beschränkungen. Die Kundgebung wurde von der Initiative «Querdenken» aus Duisburg organisiert. Die Veranstalter sprachen von bis zu 1800 Menschen in der Spitze.
(dpa)