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Deutsche Virologen warnen vor Konzept der Herdenimmunität

14:03
19.10.2020
Die deutsche Gesellschaft für Virologie warnt in einer Stellungnahme vor einer unkontrollierten Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Corona-Virus. Diese Strategie der Pandemiebekämpfung zur Erreichung einer Herdenimmunität "würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können".

Es sei außerdem nicht endgültig belegt, wie lange eine durch Infektion erworbene Immunität anhalte.
Gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschen, würden "keine stabile Immunität verleihen".

Generell sei derzeit eine "explosive Infektionsdynamik in allen Hotspots quer durch Europa" feststellbar. Es stehe zu befürchten, "dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht".

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte vergangene Woche davor gewarnt, bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie auf eine Herdenimmunität durch massenweise Ansteckungen zu setzen. „Niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens wurde Herdenimmunität als eine Strategie gegen einen Ausbruch eingesetzt, geschweige denn gegen eine Pandemie“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

So ein Vorgehen wäre ethisch und wissenschaftlich problematisch. Eine Herdenimmunität - also die Schwelle, ab der sich ein Virus nicht mehr in einer Bevölkerung verbreiten kann - müsse ähnlich wie bei den Masern und der Kinderlähmung durch Impfungen, nicht durch Ansteckungen erreicht werden, zumal weiter unklar sei, wie sehr eine Infektion vor einer zweiten schütze. In einem Brief hatten Forscher aus verschiedenen Ländern zuletzt für Herdenimmunität geworben.

Jörg Tschürtz