Wohl kaum etwas anderes ist auf dem Weltmarkt derzeit so begehrt wie Schutzausrüstung gegen das Coronavirus. Der Mangel ist auch im Südwesten groß, der Kampf um die begehrte Ware ist hart.
Wie viel Stress er gerade hat? Wolf-Dietrich Hammann redet nicht lange um den heißen Brei herum: «Es ist so anstrengend wie noch nie in meinem Leben», sagt der 65-Jährige. Hammann ist Amtschef im Landesozialministerium und gerade dafür zuständig, dass Baden-Württemberg auf dem schwierigen Weltmarkt an Schutzausrüstung gegen das Coronavirus kommt. Für Hammann heißt dies, viele Telefonate zu führen, permanent Entscheidungen zu treffen, dabei Gaunern nicht auf den Leim zu gehen und bestenfalls auch die Kosten für die begehrte Ware nicht ganz aus dem Blick zu verlieren.
Ärzte, Pflegekräfte, Polizisten oder Bestatter: Sie alle suchen händeringend nach geeigneter Schutzausrüstung, um sich selbst während ihrer Arbeit nicht mit dem Coronavirus anzustecken. So starteten Krankenhäuser und Unikliniken in Baden-Württemberg verzweifelte öffentliche Hilferufe an die Politik und warfen der grün-schwarzen Landesregierung mehr oder weniger deutlich Missmanagement bei der Beschaffung und Verteilung vor. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) riet Bürgern, sich notfalls mit einem selbst genähten Mundschutz zu behelfen, wenn sie draußen seien.
Sozialminister Manne Lucha (Grüne) beteuerte mehrfach, man tue, was man könne, aber auf dem Weltmarkt seien eben keine ehrbaren Händler unterwegs. «Es ist ein bisschen wie in Wild West.» Es heißt, dass vor allem die USA sehr aggressiv unterwegs seien. Luchas Top-Beamter Hammann erklärt, dass Verwaltungsbeamte ihre guten Vorsätze über Bord schmissen und hohe finanzielle Risiken eingingen, um nur irgendwie an Masken, Handschuhe oder Kittel zu kommen. Dass Vorauszahlungen für die Ware verlangt würden, sei mittlerweile üblich, ohne eine Garantie dafür zu haben, ob die Ware jemals ankomme. So verlor sich eine kleinere Lieferung aus der Ukraine an der Grenze zu Österreich.
Das Problem: «Es gibt fast keine heimischen Hersteller mehr.» Hauptlieferant von Schutzmasken und Schutzkleidung sei vor allem China. Die bisherigen Vertriebswege, über die etwa die Kliniken bislang ihre Ausrüstungen bekommen hätten, lägen danieder. Vorräte habe man nicht angelegt, weil man glaubte, jederzeit neue Ware nachbestellen zu können - eine Haltung, die sich nun rächt. «Das funktionierte nur, solange die Container aus China kamen», sagt Hammann. Jetzt konkurrieren nicht nur Staaten miteinander auf dem Weltmarkt, sondern auch jedes Bundesland kauft für sich ein.
«Manchmal erfahre ich, dass ein Kollege über die gleiche Charge verhandelt wie wir», erzählt Hammann. Hat der eine abgelehnt, weil die Ware die Qualitätsansprüche nicht erfüllt, wird sie dem anderen noch angeboten. Von hundert Angeboten seien aber vielleicht nur zwei halbwegs seriös. «Die herauszufiltern, ist ein ungeheuer schwieriges Geschäft.» Auch die Preise für die begehrte Ware sind in die Höhe geschnellt. Im Sozialministerium sind laut Hammann derzeit mehr als 50 Leute im weitesten Sinne mit Beschaffung von Schutzausrüstung beschäftigt. Und das, was man bislang bekam, reicht bei weitem nicht aus. Lucha erklärt, man sei «in der Verteilung des Mangels».
Große Hoffnungen setzt Baden-Württemberg jetzt in eine angekündigte Lieferung von bis zu 30 Millionen Masken, Handschuhen, Schutzkitteln und anderen Schutzmaterialien aus China. Das Geschäft wurde nach Hammanns Angaben über persönliche Kontakte über mehrere Ecken hinweg eingefädelt. Sachverständige sollen noch in China prüfen, ob die Ware die Qualitätsansprüche erfüllt. Sie soll mit 80 Lastwagen nach Shanghai gebracht und von dort aus nach Deutschland geflogen werden. Der Transport wird von Sicherheitsdiensten begleitet, weil Gefahr besteht, dass die wertvolle Fracht unterwegs gestohlen wird.
«So wertvoll wie Gold» seien hochwertige Schutzmasken in diesen Zeiten, sagt Hammann. Lucha deutet nur an, dass man einen «Haufen Geld» für die bestellte Ware aus China ausgegeben habe. Die erste Lieferung wird bis zum 7. April in Baden-Württemberg erwartet. Die Ausrüstung soll dann umgehend verteilt werden. Die Lastwagen seien in China schon unterwegs, die Flieger reserviert, sagt Hammann. Und nicht nur ihm dürfte ein dicker Stein vom Herzen fallen, wenn die wertvolle Fracht dann endlich in Baden-Württemberg angekommen ist.