Ich gebe zu: Es handelt sich hierbei um eine ungewöhnliche Uhrzeit für einen Post in diesem Blog. Es handelt sich aber auch um eine ungewöhnliche Beobachtung. So ungewöhnlich, dass sie mich aus meinem schläfrigen Zustand wieder völlig wach macht. Was ist passiert? Ich habe gerade die vierte (!) Geschirrspülmaschine des Tages angestellt und will mich langsam bettfertig machen. Da kommt mein Mann völlig irritiert mit dem Hund herein. Ist er nicht ein bisschen bleich um die Nase? Ich meine nicht den Hund, sondern meinen Mann. Sein Blick ist zumindest äußerst verwirrt. Er habe gerade ein „echt merkwürdiges Flugobjekt“ am Himmel gesehen, sagt er. „Wie ein schneller, langer ICE, wie Lichter, die an einer kilometerlangen Schnur aufgereiht sind.“ Ich schaue in kritisch an. Sehr kritisch. Und lange. Dabei überlege ich: Ok, Alkohol ist nicht im Spiel. Dann hätten wir heute Abend vielleicht doch nicht den Science-Fiction-Film mit Außerirdischen sehen sollen, die mit überdimensionalen Raumschiffen eine Invasion beginnen. Für einen kurzen Moment bin ich sprachlos, dann fällt mir ein: Da war doch was. Über Mannheim, vor etwas mehr als vier Wochen. Ich recherchiere. Quasi eine Berufskrankheit. Und tatsächlich: Bei der merkwürdigen Perlenschnur handelt es sich um 60 weitere Starlink-Satelliten, die Elon Musk und sein privates Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen SpaceX in der Nacht auf den 4. Juni in die Umlaufbahn geschickt haben. Die Überflüge seien in den nächsten Nächten noch gut zu sehen, heißt es. Seit Monaten sorgen die „Lichterzüge“ immer wieder für Aufsehen in verschiedenen Teilen des Landes. Und für aufgeregte Anrufe bei der Polizei. Mit der neuen „Perlenkette“ sind es inzwischen weit über 500 kleine Satelliten, die von ganz weit oben für schnelleres Internet auf jedem Fleckchen Erde sorgen sollen. Was man von den vielen Flugobjekten, die neuerdings unsere Umlaufbahn bevölkern, halten mag, das ist eine Sache. Mehrere Zehntausend sollen es am Ende sein, wenn alle genehmigt werden. Doch Hauptsache, der Lichterketten-ICE entpuppt sich nicht als eine fliegende Armada von Monster-Raumschiffen, die aus unserem abendlichen Fernsehprogramm entsprungen ist. Falls Sie auch gerade vom allerletzten Hundegang kommen und an ihren Sinnen zweifeln: Mit Ihnen ist alles in Ordnung, keine Sorge. Wir gehen jetzt jedenfalls ins Bett. Und werden weiterhin beruhigt Filme mit Außerirdischen schauen.
Eva Baumgartner