Nach inzwischen mehr als eineinhalb Jahren Pandemie kennen wir auch die Familien unserer Arbeitskollegen immer besser. Kein Wunder, verbringen wir doch viele Stunden in Onlinekonferenzen miteinander. Und weil ein Großteil der Mitarbeiterschaft daran aus den eigenen vier Wänden teilnimmt, erhalten wir mitunter ganz neue Einblicke in das Leben unserer langjährigen Redaktionskollegen. Wir wissen beispielsweise nicht selten, was der Nachwuchs gerade so treibt, wenn er spontan in den Konferenzen zu hören ist. Oder wir freuen uns, wenn die liebe Ehefrau unserem Kollegen zur Konferenz noch schnell die dampfende Tasse Kaffee reicht, die er glücklich entgegennimmt. Wir kennen die Einrichtung derjenigen, die nicht gerade an einem virtuellen Strand, vor der Golden Gate Bridge inklusive Sonnenuntergang oder samt Schreibtischstuhl im Tal des Todes sitzen. Bei den Kollegen, die keinen Hintergrund per Mausklick ausgewählt haben, wissen wir, wer einen schönen Ausblick in den Garten hat, wer im Keller zwischen Kisten oder auf dem Dachboden sitzen muss und wer einen Hund zuhause hat, der bellend eine Mahlzeit oder den nächsten Gang einfordert. Und wir haben schon Lebenspartner von Konferenzteilnehmern gesehen, die in Schockstarre verharren, weil sie beim Gang durch das Zimmer feststellen, dass sie genau jetzt live und in Farbe auf mehreren Bildschirmen zu sehen sind. Doch so lästig die zahlreichen Online-Konferenzen während der Pandemie auch sein mögen, es sind diese kleinen Dinge, die auch dabei Nähe schaffen können – in Zeiten mit eineinhalb Meter Abstand. Trotzdem hat uns doch etwas verwirrt, dass ein Kollege uns kürzlich über den Bildschirm gefragt hat, ob wir uns gerade im Badezimmer befinden: „Die Fliesen sehen so aus.“ Denn tatsächlich gehören die schönen „Fliesen“, die da im Hintergrund zu sehen sind, zu einer Schrankwand, nicht zu einer Nasszelle. Doch auch, wenn wir uns vor unserem Wandschrank wohlfühlen: Wir freuen uns auf die Zeit, wenn wir alle Kollegen mal wieder „in echt“ vor uns sehen.
Eva Baumgartner