Durch den Corona-Abstand bekommen wir manchmal mehr Einblicke, als wir wollen. Weil in einer Arztpraxis die Stühle jetzt weiter auseinander stehen, gibt es nun auch im Flur Sitzgelegenheiten. Und genau dort befindet sich auch die Toilette, die von Frauen und Männern benutzt wird. Die Praxis ist modern eingerichtet, überall ist Glas. Auch alle Türen sind aus Milchglas, sogar die der - genau - Toilette. Angesichts dieses Türmaterials beschließen wir sofort, dass wir hier keinesfalls irgendwelche Geschäfte verrichten werden. Das Klo ist klein und stockdunkel, das sehen wir, als die Tür aufgeht. Der Lichtschalter muss deshalb betätigt werden, was die wenigen Besucher auch tun. Weil unser Sohn genau neben uns auf dem Stuhl sitzt, liegt das Klo direkt in unserem Blickfeld, obwohl wir uns redlich bemühen, nicht hinzuschauen. Dann riskieren wir einen Blick. Denn vielleicht sind auch wir eines Tages doch in der misslichen Lage, diesen Raum betreten zu müssen. Freilich sieht man nichts Genaues, doch man erkennt sehr wohl die Umrisse der Personen im Inneren. Es ist sogar erkennbar, ob der Benutzer steht oder sitzt. Und ob er seine Hände wäscht. Das ist eindeutig mehr, als wir sehen wollen. Wir sind sicher, dass bei diesem Gesamtbauwerk die Optik eine größere Rolle gespielt haben muss und die Nutzerfreundlichkeit eher eine untergeordnete Position hatte. Dann stellen wir fest, dass der Arzt diesen Punkt inzwischen auch selbst erkannt haben muss. Denn während unserer Wartezeit besucht er selbst das Klo. Er betätigt keinen Lichtschalter. Aus gutem Grund: Wir sehen jetzt nämlich gar nichts.
Eva Baumgartner