Da steht es schon mal, das Regal. Nicht ganz wie vorher zwar, aber es ist trotzdem das alte geblieben, nur neu kombiniert. Dabei waren die Pläne andere. Etwas Neues sollte eigentlich her. Hätte die Wirtschaft unterstützt, gerade jetzt. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben? (An dieser Stelle erschiene jetzt im Handy-Display das grübelnde Emoji). Hinter dem Regal ist die Wand neu gestrichen worden. Selbst gemacht natürlich. Richtig gut geworden, staune ich. Man darf sich auch mal selbst überraschen.
Nein, es ist nicht das Heimwerker-Fieber in Corona-Zeiten, das mich gepackt hat. In den Abendstunden habe ich mich in den Discounter geschlichen (nein, kein Baumarkt-Bummel), mir einen Farbeimer geschnappt, rasch noch Folien und ein Abrollgitter in einem menschenleeren Fachmarkt besorgt - und los ging’s. Die Decke hat auch einen neuen Anstrich erhalten. Hätte jemand von dieser Aktion einen Comic gezeichnet, wären die Bilder übersäht gewesen mit ganz viel „Stöhn!“ „Ächz!“. „Schnauf!“ „Prust!“ und „Keuch!“
Wie gesagt: Mit Corona hat das geschäftige Treiben in jenem Zimmer wenig zu tun. Denn der Renovierungsplan liegt gewissermaßen schon seit einiger Zeit in der Schublade. Es musste jetzt einfach sein. Die Gelegenheit war günstig, Wochenende, freier Tag (nicht, dass jemand auf die Idee kommt, man könnte im Rahmen des Homeoffice mal eben eine Anstreichaktion einschieben). Und ein Kurzurlaub wäre momentan ohnehin nicht möglich.
So wird Freizeit auch zu nützlicher Arbeitszeit. Und wenn man es geschickt anstellt, sind die positiven Auswirkungen sogar noch nachhaltiger, als es ein kleiner Urlaub womöglich gewesen wäre (irgendwie muss ich mir das gerade schönreden). Nachhaltigkeit ist überhaupt das Stichwort an diesem Punkt. Mein Blick fällt auf das alte Regal, ein System, dessen erste Teile ich schon vor 40 Jahren zusammengefügt habe. Warum es weggeben? Es ist funktional, nicht hässlich. Und es steht dort oder an anderer Stelle gewiss auch dann noch, wenn Corona längst Geschichte ist.
Axel Milkert