An diesen sonnigen Tag, nun der Impuls für den Monat Juni:
Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. (Sprüche 16, 24)
Der Weißwurstäquator ist Realität: Ganz grob gesehen nördlich und südlich der Mainlinie unterscheiden sich die Menschen beträchtlich. Norddeutsche sagen klar und deutlich, was Sache ist. Und darauf sind sie stolz. Bei ihnen weiß man immer, woran man ist. Süddeutsche, Schweizer gar und erst recht die Österreicher sehen das anders. Sie empfinden die offene Art der Norddeutschen oft als grob, anmaßend und verletzend. Das ist der Grund, warum es deutsche Arbeitnehmer in der Schweiz oft so schwer haben. Mit ihrem offenen Charakter machen sie sich bei ihren Mitmenschen dort schnell unbeliebt. Die Süddeutschen und ihre südlichen Nachbarn sind da anders gestrickt. Sie möchten Peinlichkeiten auch für die andere Seite gern vermeiden. Kritik äußern sie darum charmanter und zurückhaltender. Doch damit kommen sie keinesfalls immer gut an. Ihre Freundlichkeit wird bisweilen als unaufrichtig empfunden, ihre Kompromissfreude als Schwäche. „Die Südbadener sind doch alle ziemlich hintenrum“ klagte ein Nordlicht, das es einst in den Breisgau verschlagen hatte.
Welche Seite macht es nun richtig? Das Sprichwort aus den Sprüchen Salomos scheint zunächst den Menschen aus dem süßen, sonnigen Süden recht zu geben: Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Zumindest sehen wir das hier im Badischen so. Freundlichkeiten gehen runter wie Öl. Sie sind angenehm für die Seele. Und was der Seele guttut, das nützt auch den Gliedern. Experten für psychosomatische Medizin können uns genau erklären, warum das so ist. Andererseits gilt aber auch die Weisheit unserer Großmütter: Nur Süßes ist gar nicht gesund. Bisweilen bekommt einem das Herbe, Klare besser. Freundlichkeit ohne Wahrheit ist Gift. Aber Wahrheit ohne Freundlichkeit kann wirken wie ein Schlag auf den Kopf. Der Gesundheit schadet beides. Darum ist es richtig, das eine zu tun, und das andere nicht zu lassen. Freundlich zu reden und trotzdem aufrichtig. Wenn man das beachtet, werden sich auch die verschiedenen Regionen im deutschen Sprachraum verstehen.
Gott redet mit uns durch sein Wort. Und da hören wir beides: Das Süße und das Herbe. Martin Luther hat uns gelehrt, bei den Aussagen der Bibel sehr genau zu unterscheiden: Ist es Gesetz, oder ist es Evangelium? Das Gesetz teilt uns Gottes Willen mit. Kompromisslos. Es sagt uns, wo wir uns zu ändern haben. Das Evangelium teilt uns Gottes Liebe mit. Es sagt uns seine Vergebung zu. Es redet freundlich mit uns. Das Evangelium ist Honig. Deshalb ziehen wir es vor. Aber ohne, dass wir uns vorher mit dem Gesetz auseinandergesetzt haben, können wir das Evangelium gar nicht richtig verstehen. Dann schmeckt es nicht süß, sondern fad.
Darum brauchen wir beides: Die Chilisoße des Gesetzes. Und den Honigseim des Evangeliums. Die freundliche, frohmachende Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus.
(Und für alle, die schon immer wissen wollten, was Honigseim ist: Das Wort „Seim“ ist sprachgeschichtlich mit „sämig“ verwandt. Honigseim ist schlicht der ungeläuterte Honig, wie er aus der Wabe kommt.)
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