Vom Glauben reden ist gar nicht sooo schwer. Ein paar Kleinigkeiten sind dabei allerdings schon zu beachten. Hier mein ABC der Glaubenskommunikation. Heute: X wie X (Platzhalter).
In der Mathematik ist das X ein Platzhalter. Er ermöglicht das Rechnen mit einer unbekannten Größe und bleibt so lange stehen, bis die Unbekannte berechnet ist.
Bei der Glaubenskommunikation gibt es ebenfalls eine Art Platzhalter: Gott. Nicht dass Gott irgendwann einmal vollständig berechnet, sprich definiert werden könnte. Nein, der Theologe Karl Barth hat schon recht, wenn er festhält: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden.“ (Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, in: Moltmann, Jürgen (Hg.), Anfänge der dialektischen Theologie, Teil I, München 1977, S.199) Unser menschliches Erkennen ist Stückwerk – und erst recht unsere Sprache. Das gilt ganz besonders für alles Göttliche. Wir können höchstens ahnen, wer Gott ist.
Und doch sollen wir als Theologen – und als Christen überhaupt – von Gott reden. Dazu hat uns Jesus selbst beauftragt: Geht hin in alle Welt und lehrt alle Völker! Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ (Mt 28,19)
Wie gehen wir damit um? Karl Barth meint: „Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.'' In andern Worten: Wir werden Gottes Auftrag gerade dadurch gerecht, dass wir uns diesem Auftrag stellen, ohne zu meinen, wir könnten das angemessen hinkriegen – geschweige denn alleine. Wir sind beim Reden von Gott auf die Hilfe des Heiligen Geistes angewiesen. Und auch mit dieser Hilfe werden wir als Menschen nie die Worte finden, die keine Fragen mehr offen lassen. (Nicht einmal Karl Barth hat das geschafft, der es in der Kunst des Redens von Gott erstaunlich weit gebracht hat und der für sein ‚Kirchliche Dogmatik‘ angeblich sogar mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden ist.)
Im Weihnachtsoratorium von J.S.Bach heißt es: „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen, wenn dich dein Zion mit Psalmen erhöht!“ (Chor Nr. 24) Dieser Choral ist alles andere als ein matter Gesang oder ein unzulängliches Lallen. Es ist im Gegenteil höchste kompositorische Kunst - jedenfalls nach menschlichen Maßstäben. Doch was die Aussage theologisch besonders wertvoll macht, ist das demütige Wissen darum, dass es noch einen anderen Maßstab gibt: Gottes Maßstab. Und nach diesem Maßstab kann alles menschliche Reden von Gott eben nur eine Annäherung sein.
Deshalb legt sich Gott selbst auch nicht auf einen von den geläufigen Gottesnamen fest, als er sich dem Mose aus dem brennenden Dornbusch offenbart. (vgl. 2.Mose 3) Stattdessen wählt er einen Namen, der sich jeder menschlichen Definition entzieht: „Ich bin, der ich bin“. Gerade dieser Name zeigt, wie lebendig Gott ist – lebendiger als alle menschlichen Ehrentitel für Gott, wie „der Allmächtige“, „der Barmherzige“, „der Höchste“, etc. Alle diese Ehrentitel legen Gott auf eine Eigenschaft fest.
Trotzdem spricht nichts dagegen, auch diese Gottesnamen zu verwenden – solange wir wissen, dass sie nichts anderes sind als menschliches Lallen. Lasst uns diese Namen verwenden wie Platzhalter, wie das X in einer mathematischen Gleichung! Solange wir Gottes Wesen nicht vollständig erkannt haben, haben wir keine andere Wahl als vorläufige Worte zu verwenden.
Jesus hat – vielleicht aus diesem Grund – gerne in Gleichnissen von Gott gesprochen. Denn kein Mensch käme auf die Idee, Gleichnisse mit wasserdichten Definitionen gleichzusetzen. Nicht: Gott ist…, sondern: Gott ist wie – wie ein Sämann, wie ein Weinbergbesitzer, wie ein Vater, etc. Gleichnisse lassen immer einen Deutungsspielraum zu, und das ist gut so! #redecoach #demütigvongottreden #gleichnisse #ichbinderichbin #glaubenskommunikation #evjulife