Vom Glauben reden ist gar nicht sooo schwer. Ein paar Kleinigkeiten sind dabei allerdings schon zu beachten. Heute: F wie Frohbotschaft.
"Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte." So hat es der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt.
Sicher, dieses Urteil ist mit Vorsicht zu genießen. Nietzsche hat die Christen nicht gerade durch die Brille der Sympathie gesehen (um es vorsichtig zu sagen). Und ganz davon abgesehen wäre es auch falsch, das Aussehen der Christen zum Kriterium für die Glaubwürdigkeit des Christentums zu machen. Denn natürlich haben Christen auch mal einen schlechten Tag, und das zu verbergen wäre sicher keineswegs christlich.
Nachdem ich das betont habe, will ich aber doch hinzufügen, dass wir uns als Christen Nietzsches Kritik nicht ganz entziehen können. Jedenfalls kommt es manchmal ganz und gar nicht fröhlich rüber, wenn die „frohe Botschaft“ verkündigt wird (und genau das ist ja die Bedeutung von Evangelium: frohe Botschaft, gute Nachricht).
Gerade Evangelisten neigen manchmal dazu, die Frohbotschaft zur freudlosen Drohbotschaft zu machen. Das geschieht oft in der besten Absicht: Es geht darum, dem Evangelium sozusagen „auf die Sprünge zu helfen“, indem die Situation des (noch nicht bekehrten) Hörers in den schwärzesten Farben ausgemalt wird. „Ohne Jesus bist du verloren! Sieh dir nur dein Leben an! Sieh dir an, wie kaputt du im Grunde genommen bist. Deshalb brauchst du Jesus!“
Wer hätte solche oder ähnliche Tonlagen nicht schon gehört?
Und zweifellos trifft das ja auch auf manche Hörer genau so zu: Das Evangelium trifft sie in einer Situation der Krise, und die Bekehrung bedeutet nichts anderes als ihre Rettung.
Ich habe einige Monate in einer Lebensgemeinschaft in Chicago verbracht, die zu einem guten Teil aus Leuten besteht, die vorher auf der Straße gelebt oder sich jedenfalls auf Abwegen befunden hatten. Keine Frage: Für diese Menschen ist es wichtig, dass die Verlorenheit ihrer Existenz deutlich benannt wird, und viele sind dankbar, dass dies in der Lebensgemeinschaft auch geschieht: klare Worte, klare Regeln, Schwarz-weiß-Botschaften. Je finsterer das Schwarz, desto strahlender das Weiß. Allerdings teilen nicht alle diese Vorgeschichte, und deshalb passt die immer auch ein bisschen drohende Verkündigung nicht für alle. Manche kommen damit überhaupt nicht zurecht. Und manche von ihnen ziehen die Konsequenzen, verlassen die Gemeinschaft und finden Zuflucht bei den „Evangelicals Anonymous“, einer Selbsthilfegruppe traumatisierter Evangelikaler.
Auch Jesus konnte in seiner Verkündigung deutlich werden und schwarz-weiß-malen. Doch bei ihm finden wir auch ganz andere Töne. Als er seine Jünger berief, war die Botschaft in der Regel nicht: „Du brauchst Jesus“, sondern „Jesus braucht dich!“ Selbst bei Zachäus, dem Mann mit dem zweifelhaften Ruf, verzichtete Jesus auf alle Gerichtspredigt. Stattdessen brachte er ihm einen bemerkenswerten Vertrauensvorschuss entgegen und lud sich bei ihm ein.
John Finney, ein Vordenker der Evangelisation im 21. Jahrhundert, hat untersucht, wie Menschen heute zum Glauben finden. Für seine Studie „Finding Faith Today“ wurden Menschen über die Zeit befragt, in der sie sich Gott zugewendet haben. Sie wurden u.a. gefragt, ob sie damals einen Aspekt der christlichen Botschaft besonders ansprechend fanden. John Finney: Ich war „überrascht davon, wie wenige Personen das Kreuz Jesu und die Vergebung der Sünden genannt hatten: nur 21%. Dabei kamen viele der Befragten aus evangelikalen Gemeinden, bei denen man doch erwarten sollte, dass diese Themen einen inhaltlichen Schwerpunkt in der Verkündigung der christlichen Botschaft darstellten.“ (Wie Gemeinde über sich hinauswächst. Zukunftsfähig evangelisieren im 21. Jahrhundert, Neukirchen-Vluyn 2007, S. 108f).
Das Thema, das am häufigsten genannt wurde, war Gottes Liebe. Das heißt doch wohl, dass der Zugang zu Gottes Liebe nicht zwangsläufig über die Themen Sünde und Vergebung führt!
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es geht nicht darum, diese Themen auszublenden. Das wäre „billige Gnade“ (Bonhoeffer). Aber nicht ausblenden heißt nicht darauf herumreiten. Das Frohmachende an der Frohen Botschaft ist Gottes Liebe. Die kann in der Vergebung der Sünden zum Ausdruck kommen. Aber sie kann eben auch in der Zusage der Treue zum Ausdruck kommen. Oder in der Berufung in die Nachfolge. Oder oder oder.
Das Evangelium gehört in die „Mitte des Lebens“ (auch das eine Formulierung von Bonhoeffer) – nicht nur an den Rand von Verzweiflung und Krise. Gottes Liebe ist die Super-Ressource des Lebens – vertrauen wir auf diese Ressource Gottes, anstatt die Menschen ständig auf ihre Defizite festzunageln! #evjulife #frohbotschaft #evangelium #mittedeslebens