Hallo und einen schönen guten Morgen. Es ist Sonntagvormittag, Zeit für die Betrachtung des nächsten Fastentuchbildes.
Durch die rechtzeitige Flucht nach Ägypten waren Maria und Josef mit dem Jesuskind dem Massaker in Betlehem entkommen. Die biblischen Berichte über das Leben der Heiligen Familie im Exil sind dürftig. Von Matthäus erfährt man in Kapitel 2, 19-23 lediglich, dass Josef nach Herodes Tod im Traum erneut der Engel des Herrn erschien und ihm bedeutete, er solle nun nach Israel zurückkehren. Da aber in Judäa Herodes Sohn Archelaus herrschte, hatte er Angst, erneut verfolgt zu werden. So riet ihm der Engel, nach Galiäa zu ziehen und sich wieder in Nazareth niederzulassen. Zwar herrschte dort mit Herodes Antipas auch ein Sohn des verstorbenen Königs, aber der schien damals wohl weniger gefährlich zu sein.
Da die Bibel nur sehr wenig über die Kindheit und Jugend Jesu zu berichten weiß, versuchen die sog. apokryphen Evangelien diese Lücke zu schließen. Aus dem Pseudo-Matthäus-Evangelium erfährt man eine ganze Reihe von Wundern, die sich auf dem Weg nach und in Ägypten ereignet haben sollen. Eine davon greift der Meister des Großen Zittauer Fastentuches in Bild VII/4 auf.
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Maria stürzt in Ägypten die Götzen
„Freudig kamen sie im Gebiet von Hermopolis an und zogen in eine ägyptische Stadt ein, die Sotinen heißt. Und da sich in ihr kein Bekannter befand, den sie um Gastfreundschaft hätten bitten können, traten sie in einen Tempel ein, der Kapitol Ägyptens genannt wurde. In diesem Tempel waren 365 Götzenbilder aufgestellt, denen an bestimmten Tagen göttliche Ehre in götzendienerischen Weihen erwiesen wurde. Die Ägypter derselben Stadt traten in das Kapitol, in dem die Priester sie ermahnten, an so und so viel bestimmten Tagen der Hoheit ihrer Gottheit gemäß ein Opfer darzubringen.
Es traf sich aber, als die seligste Maria mit dem Kind in den Tempel eintrat, da fielen sämtliche Götzenbilder auf den Boden, so dass sie alle gänzlich umgestürzt und zerbrochen auf ihrem Angesicht dalagen. So taten sie offen kund, dass sie nichts waren. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ‚Siehe, der Herr wird auf einer schnellen Wolke kommen und in Ägypten einziehen und alle Bilder, die von den Händen der Ägypter gefertigt sind, werden vor seinem Angesicht entfernt werden‘ (Jes 19,1).“
Pseudo Matthäus 22,2 – 23,1
Wie schon bei Bild VII/2 (Flucht nach Ägypten) festgestellt, wird hier auf das Alte Testament Bezug genommen. Nicht nur das Pseudo-Matthäus-Evangelium, sondern der Evangelist selber stellt diese Verbindung her. Er bringt die Rückkehr Jesu in Zusammenhang mit dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Dort lesen wir: „Da stand Josef auf… nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten. Dort lebten sie bis zum Tode von Herodes. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen‘ “ (Mt 2, 14-15)
Gemeint ist ein Vers im Buch Hosea „Als Israel noch jung war, gewann ich es lieb. Aus Ägypten rief ich es als meinen Sohn. (Hosea 11,1). Damals aber war mit „meinen Sohn“ das gesamte Volk der Israeliten gemeint.
Hier ist ein kleiner Ausflug in antike Geschichte sinnvoll. Das Heilige Land hatte in hellenistischer Zeit (336 bis 30 v.Chr.) zum Reich Alexanders des Großen und nach dessen Zerfall zu dem der Ptolemäer gehört. Es umfasste neben dem Kernland Ägypten, die Küstengebiete Libyens sowie das heutige Israel und den Libanon. Nach 30 v.Chr. wurde das Gebiet schrittweise in das Römische Imperium eingegliedert. Ägypten war für die Heilige Familie also eigentlich kein „Ausland“. Der in dem apokryphen Text genannte Ort Sotinen lässt sich nicht mehr identifizieren, wohl aber Hermopolis. Es liegt am Westufer des Nils nahe der heutigen Stadt el-Aschmunein in Mittelägypten. Dass Josef mit Maria und dem Jesusknaben gerade in diese Gegend gezogen sein könnte scheint denkbar, weil hier viele Israeliten lebten. Die Stadt war ein uraltes Kultzentrum. Neben dem Mondgott Thoth verehrte man die Götterfamilie der Achtheit, die als die Urkräfte des Chaos galten, aus dem alles entstand. Die Griechen setzen Thoth mit Hermes gleich, woraus sich der Name Hermopolis erklärt. (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermopolis_Magna )
Unser Meister lässt die Szene nicht in einem Tempel spielen, sondern unter freiem Himmel. Maria steht mit Jesus auf dem Arm auf einem Sockel. Im Unterschied zu Bild VII/2 werden die Köpfe beider von einem Heiligenschein umhüllt. Maria trägt ihr prächtiges Haar noch einmal offen. Auf den weiteren Bildern wird es immer mit einem Tuch bedeckt sein. Links stehen zwei Säulen. Von denen gerade die Götzenstatuen herabstürzen. Von einer dritten Säule ist nur noch der Fuß zu sehen. Daneben liegen Tierknochen und zwei Köpfe. Überwältigt von dem Geschehen, beten rechts drei Besucher des Tempelhains das Jesuskind an.
Nach dem apokryphen Pseudo-Matthäusevangelium soll das Jesuskind noch weitere Wunder vollbracht haben: Drachen fielen huldigend vor ihm nieder, wilde Tiere gaben der Familie Geleit und eine hohe Dattelpalme beugte sich, gab ihnen von ihren Früchten und ließ aus seinen Wurzeln eine frische Quell sprudeln (siehe Bilderfolge). http://12koerbe.de/azur/ps-mtth.htm
Bilderfolge
1. Maria stürzt in Ägypten die Götzen, Bild VII/4 (aktueller Zustand)
2. Klosterneuburger Evangelienwerk (14. Jh.), Fall der Götzenbilder
3. Jörg Ratgeb (1480-1526) Christus zerstört die heidnischen Götzenbilder, Wandgemälde um 1520 im Karmeliterkloster Frankfurt. Jesus befiehlt dem Dattelbaum, sich zu neigen. Maria, die Dienerin und Joseph schauen verwundert zu. (Klosterneuburger Evangelienwerk, 14. Jahrhundert)
4. Klosterneuburger Evangelienwerk (14. Jh.), Jesus besänftigt einen Drachen und bestätigt seinen Eltern, dass die Tiere ihnen nichts anhaben werden.
5. Klosterneuburger Evangelienwerk (14. Jh.), Jesus befiehlt dem Dattelbaum, sich zu neigen.