Die Unterschrift des Bildes VII/2, das wir heute anschauen wollen, lautet:
„maria keyn egipten malvde off der vart“
Maria flieht auf einem Maultier nach Ägypten
Der Evangelist Matthäus beschreibt die Geschichte wie folgt:
„Nachdem die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum der Engel des Herrn und sagte: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du wieder zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich das Kind suchen, weil er es umbringen will.« Da stand Josef auf, mitten in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und floh mit ihnen nach Ägypten. Dort lebten sie bis zum Tod von Herodes. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten angekündigt hatte: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«“
(Mt 2, 13-15)
Die heilige Familie ist offensichtlich schon eine Weile unterwegs, denn es ist Tag geworden. Der Weg führt aus der uns von den vorherigen Bildern vertrauten Gebirgslandschaft heraus. Am linken Rand sehen wir noch einen Felsen, dahinter einen steil abfallenden Hang, der in ein grünes hügeliges Tal mit einzelnen Baumgruppen ausläuft. Maria reitet auf einem Maultier. Wie auch bei den anderen Szenen trägt sie ein blaues Kleid mit einem roten Umhang. Ob das weiße Kopftuch ihren Ehestand ausweist, und Jesus später noch Geschwister bekam, wird unter den Theologen bis heute kontrovers diskutiert.
Marias Gesichtszüge scheinen trotz der sicher strapaziösen Flucht entspannt. Den kleinen Jesus hält sie mit beiden Händen sicher auf ihrem Schoß. Erstaunlich, dass er schon volles Haar, aber keinen Nimbus hat. Ob der Meister vergessen hat, ihn mit dem Heiligenschein zu versehen?
Josef schreitet seiner kleinen Familie voran. Vorsorglich wendet er den Blick zurück um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Den eher mageren Proviant trägt er in einer Umhängetasche. An seinem Wanderstab hängt ein Fässchen, das wahrscheinlich Trinkwasser enthält.
In der hier zitierten Bibelausgabe trägt das Kapitel des Matthäusevangeliums die Überschrift:
„Jesus — wie einst das Volk Israel: Flüchtling in Ägypten“ Wenn wir später die restlichen Bilder des Alten Testaments anschauen, wird sie sich uns erschließen. Josef, den seine Brüder an einen Sklavenhändler nach Ägypten verkauften, stieg auf wundersame Weise zum mächtigsten Berater des Pharao auf. Als in Israel eine verheerende Hungersnot ausbrach und die Brüder an den Nil kamen um Getreide zu kaufen, gab sich Josef zu erkennen und vergab ihnen ihre Schuld. Die Israeliten zogen den Brüdern nach, wurden aber später, als Josef gestorben war, immer mehr versklavt. So lange, bis Mose sie unter riesigen Schwierigkeiten ins gelobte Land zurückführte.
Zum Vergleich drei weitere Darstellungen des Themas von bedeutenden Malern der Zeit.
Bilderfolge:
1. Maria flieht auf einem Maultier nach Ägypten, Bild VII/2 (aktueller Zustand)
2. Giotto di Bondone, 1266-1337, Flucht nach Ägypten, Fresko, um 1305, Arenakapelle Padua
3. Fra Angelico, 1395-1455, Flucht nach Ägypten, 1455, Tempera, Florenz, Museo di San Marco
4. Albrecht Dürer 1471-1528, Die sieben Schmerzen Mariä, Mitteltafel, Flucht nach Ägypten, Tafelmalerei, Alte Pinakothek München