Heute ist Bild VII/1 an der Reihe. Die Bildunterschrift lautet:
Hy gotis zon yn dem tempil geoppirt wart.
Hier wird Gottes Sohn im Tempel dargestellt
Die Formulierungen „Opferung“ bzw. „Darstellung Jesu im Tempel“ bedürfen einer Erklärung. Nach dem Gesetz Moses gilt die Frau nach der Geburt eines Knaben 40 Tage und nach der Geburt eines Mädchens 80 Tage als unrein. Danach hatte sie der Priesterschaft ein Schaf und eine Taube als Reinigungsopfer zu übergeben. Bei ärmeren Menschen genügten zwei Tauben. Darüber hinaus wurde der erstgeborene Sohn – und das war Jesus ja – als Eigentum Gottes angesehen und ihm im Tempel übergeben („dargestellt“). Dort war er von den Eltern durch ein Geldopfer auszulösen.
In der Kirchengeschichte verschob sich der Schwerpunkt des Themas später von Jesus auf Maria. Gedacht und gefeiert wurde 40 Tage nach Christi Geburt „Mariä Reinigung“, auch „Mariä Lichtmess“ genannt (Licht steht für Reinheit). Für mache endet deshalb die Weihnachtszeit erst am 2. Februar.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Darstellung_des_Herrn)
Im Lukasevangelium heißt es dazu:
„Vierzig Tage nach der Geburt war die Zeit der Unreinheit für Mutter und Kind vorüber, die im Gesetz Moses festgelegt ist. Da brachten die Eltern das Kind in den Tempel nach Jerusalem, um es Gott zu weihen. Denn im Gesetz Gottes heißt es: »Wenn das erste Kind, das eine Frau zur Welt bringt, ein Sohn ist, soll es dem Herrn gehören.« Zugleich brachten sie das Reinigungsopfer, wie es im Gesetz des Herrn vorgeschrieben ist: ein Paar Turteltauben...
Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er war fromm, hielt sich treu an Gottes Gesetz und wartete auf die Rettung Israels. Er war vom Geist Gottes erfüllt, und der hatte ihm die Gewissheit gegeben, er werde nicht sterben, bevor er den von Gott versprochenen Retter mit eigenen Augen gesehen habe. Simeon folgte einer Eingebung des Heiligen Geistes und ging in den Tempel. Als die Eltern das Kind Jesus dorthin brachten und es Gott weihen wollten, wie es nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind auf die Arme, pries Gott sagte: »Herr, nun kann ich in Frieden sterben, denn du hast Versprechen eingelöst! Mit eigenen Augen habe ich es gesehen: Du hast rettendes Werk begonnen, und alle Welt wird es erfahren. Allen Völkern sendest du das Licht, und dein Volk Israel bringst du zu Ehren.«
Der Vater von Jesus und seine Mutter wunderten sich über das, was Simeon von dem Kind sagte. Simeon segnete und sagte zur Mutter Maria: »Dieses Kind ist von Gott dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Es wird ein Zeichen Gottes sein, gegen das sich viele auflehnen werden. So sollen ihre innersten Gedanken an den Tag kommen. Du aber wirst um dieses Kind viele Schmerzen leiden müssen; wie ein scharfes Schwert werden sie dir ins Herz schneiden.«“
(Lk 2, 22-35)
Der Raum, in dem die Szene spielt, gleicht dem in Bild VI/6 (Verkündigung Christi Geburt). Wir hatten es am 27. Dezember besprochen. Der Maler besaß offensichtlich keine Vorstellung vom Aussehen des Jerusalemer Tempels, denn der Raum ähnelt eher einer gotischen Kapelle. Links sehen wir eine offene Pforte und in der Mitte einen Altartisch. Darauf steht der kleine Jesus, den seine Mutter in die Hände des Simeon übergibt. Der blickt beinahe prophetisch entrückt in die schmerzensreiche Zukunft des Kindes und seiner Eltern. Maria, jetzt erstmalig mit Kopftuch als verheiratete Frau dargestellt, hält stolz Blickkontakt zu ihrem Sohn. Josef, wieder ohne Nimbus, steht dicht hinter seiner Frau. Seinem besorgten Gesichtsausdruck nach scheint er Simeons Gedanken lesen zu können und zu ahnen, welches Schicksal der Familie bevorsteht.
Auch dieses biblische Thema ist in der Bildenden Kunst vielfach dargestellt worden. Eine recht ähnliche Bildkomposition wie auf unserem Fastentuch finden wir bei dem Meister der Pollinger Tafeln, der zwischen 1440 und 1470 in München tätig war. Es handelt sich um die Reste von zwei um 1444 geschaffene Altarretabeln aus der Heilig Kreuzkirche in Polling bei Weilheim. Übrigens hat der gleiche Meister auf der anderen Tafel die Verkündigung Christi Geburt gemalt. Auch hier finde ich Ähnlichkeiten zur Darstellung auf unserem Fastentuch. Die Abbildungen findet ihr unten.
Reihenfolge der Bilder:
1. Hier wird Gottes Sohn im Tempel dargestellt, Bild VII/1 (Zustand 1907)
2. Hier wird Gottes Sohn im Tempel dargestellt, Bild VII/1 (aktueller Zustand)
3. Darstellung Jesu im Tempel, Meister der Pollinger Tafeln, 1444
4. Verkündigung Christi Geburt, Meister der Pollinger Tafeln, 1444