Heute vor 150 Jahren: Ausrufung des Kaiserreichs
Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles das deutsche Kaiserreich proklamiert. Ort und Ereignis waren für unseren Nachbarn Frankreich ein Symbol der Erniedrigung und bargen den Funken weiterer Konflikte und schlimmer Kriege mit sich. Die Gründung des "deutschen Kaiserreichs" sollte an das "Heilige römische Reich deutscher Nation" anschließen, das seit dem Mittelalter bis 1806 bestand. Der wesentliche Unterschied zum mittelalterlichen Reich war, dass es sich nicht um eine Wahlmonarchie handelte und dass es aus einer Vorstellung des Nationalismus heraus geboren worden war, der dem Mittelalter fremd war.
Was bedeutete die Reichsgründung für Zittau? Die Industrialisierung und Modernisierung, gleichzeitig das Verschwinden alter Traditionen und Bräuche, nahm rasant Fahrt auf. Das mit dem deutschen Reich untrennbar verbundene Preußentum hingegen schlägt sich erstaunlich wenig nieder im Kulturerbe der Stadt und demzufolge auch in der Sammlung.
nach 1871 entstand die schöne, Karl Gustav Fritsche zugeschriebene Stadtansicht.
Sie dokumentiert die Veränderungen im Stadtbild während des 19. Jahrhunderts. Die vier großen Türme im Zentrum wurden in dieser Zeit neu erbaut oder verändert: der alte Rathausturm bis 1845 den Formen des neuen Rathauses angepasst, der Turm des neuen Gymnasiums 1871 nach Abbruch des Bautzner Turmes der mittelalterlichen Stadtbefestigung neu erbaut und die Türme der Johanniskirche 1804 bzw. 1838 vollendet, wobei der Nordturm noch das ältere Aussehen bewahrt hat. Das gelbe Gebäude mit dem Turm (von der alten Stadtbefestigung) ist das 1874 eröffnete Stadtbad. Nur die Kreuzkirche am linken Bildrand, die Dreifaltigkeitskirche am rechten sowie der Turm der Franziskanerklosterkirche haben ihr Aussehen bewahrt. Links sieht man zudem das 1849 erbaute Wäntighaus (mit gemustertem Dach) mit den neuen mehrgeschossigen Häusern der Bahnhofstraße. Der Vordergrund ist im Gegensatz dazu mit älteren Vorstadthäusern besetzt. In der Mitte steht ein barockes Haus, neben dem sich eine Familie vor der Kulisse eines mit Korn- und Mohnblumen durchwachsenen Getreidefeldes mit Gartenarbeit beschäftigt. Eine Idylle, die bereits im Vergehen begriffen ist. Hinter den hohen Türmen erhebt sich das Jeschkengebirge, rechts davon das Lausitzer Gebirge.
Der kunstvoll geschnitzte Rahmen mit der Darstellung des Zittauer Stadtwappens lässt vermuten, dass das Gemälde einst für das Rathaus bestimmt war.