Weihnachten ist zwar schon 15 Tage vorüber, aber zumindest in der römisch-katholischen Kirche endet die Weihnachtszeit erst am Sonntag nach dem Dreikönigsfest. Das wäre heute. Für manche dauert sie sogar bis Maria Lichtmess am 2. Februar. Wir fallen also noch nicht aus der Zeit, wenn wir heute das Bild VI/7 betrachten:
Aldo maria ihesum christum das kinth gebar
Maria schenkte Jesus Christus das Leben
Wie schon bei der Betrachtung der Bilder VI/6 (Botschaft des Engels an Maria) und VI/8 Mariä Heimsuchung) hingewiesen, steht das Bild zur Jesu Geburt in der falschen Reihenfolge, weshalb der Meister unten links ein „B“ gesetzt hat.
Die Beschreibung Christi Geburt im Lukas Evangelium gehört zu den bekanntesten Bibeltexten überhaupt. Sicher werdet ihr sie am Heiligen Abend mehrfach gehört haben.
„Zu jener Zeit ordnete Kaiser Augustus an, dass alle Menschen in seinem Reich gezählt und für die Steuer erfasst werden sollten. Diese Zählung war die erste und wurde durchgeführt, als Quirinius Statthalter der Provinz Syrien war. Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, jeder in die Heimatstadt seiner Vorfahren.
Auch Josef machte sich auf den Weg. Aus Galiläa, aus der Stadt Nazaret, ging er nach Judäa in die Stadt Davids, nach Betlehem. Denn er stammte aus der Familie von König David. Dorthin ging er, um sich einschreiben zu lassen, zusammen mit Maria, seiner Verlobten; die war schwanger. Während sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. Sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Denn in der Herberge hatten sie keinen Platz gefunden.“
(Lk 2, 1-7)
Der Meister des Großen Zittauer Fastentuches staffierte die Szene recht bescheiden aus. Sie spielt im Freien. Links im Hintergrund führt ein Weg von einem bewaldeten Berg hinab zu dem Geschehen hin. Josef, durchaus nicht als alter Mann dargestellt, stützt sich betend auf eine Holzwand und schaut andächtig auf das Neugeborene. Es liegt nackt und bloß in einer Holzschale, die auch als einfache Wiege gedeutet werden könnte. In der Bildmitte kniet – im Gebet versunken – Maria. Die Farbe ihres Gewandes ist nur noch schwer zu erkennen. Das Kleid scheint blau, der Umhang weiß zu sein. Noch immer trägt sie als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit das Haar offen. Hinter der Gottesmutter sehen wir einen einfachen überdachten Vorbau eines größeren Hauses, aus dessen offener Stalltür ein Ochse und ein Esel ihre Köpfe in eine Futterkrippe stecken, um zu fressen.
Friedhelm Mennekes weist in der Zittauer Bibel ebenfalls auf die spartanische Darstellung des Themas hin wenn er schreibt: „Kein Engel preist den Neugeborenen als den Retter, den Christus, den Herrn; keine Hirten sehen, was ihnen der Engel sagte.“
Wie opulent andere Künstler die Geburt Jesu dargestellt haben, zeigt ein um 1425 entstandenes Gemälde von Robert Campin (Dijon, Musée des Beaux Arts). Scharen von Engeln umflattern das Geschehen. Weitere Personen wie der hier wirklich als alter Mann dargestellte Josef, Marias Mutter Anna und die Hirten bestaunen die Geburt des Heilands.
Bei unserer Israelreise besuchten wir auch Betlehem. Wenn die politischen Verhältnisse es zulassen, strömen Scharen von Pilgern zur Geburtskirche, dem ältesten christlichen Gotteshaus im Nahen Osten. Sie wurde über der Grotte erbaut, in der Maria Jesus zur Welt gebracht haben soll. Die Stadt, nur 10 Kilometer von der Jerusalemer Altstadt entfernt, liegt im Westjordanland und ist für Touristen nicht immer zugänglich. Eine riesige Sperrmauer trennt es vom israelischen Staatsgebiet. So sehr man von den archaischen sakralen Stätten berührt wird, so brutal wird man beim Anblick der Mauer in die Realität von heute zurückgeholt.
Reihenfolge der Bilder
1. Maria schenkt Jesus Christus das Leben, Bild VI/7 (Zustand 1907)
2. Maria schenkt Jesus Christus das Leben, Bild VI/7 (aktueller Zustand)
3. Robert Campin, Geburt Christi um 1425, Dijon, Musée des Beaux Arts
4. Bethlehem Geburtskirche
5. Bethlehem, Geburtsgrotte (Foto W. Schäfer)
6. Geburtsgrotte, der silberne Stern markiert den Geburtsplatz (Foto W. Schäfer)
7. Mauer-Westjordanland (Streetart-3473)