Auch wenn die Weihnachtsfeiertage bereites vorüber sind, bleiben wir bei unseren Betrachtungen in der Reihenfolge der Fastentuchbilder. Heute ist Bild VI/6 an der Reihe.
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Der Engel brachte Maria die Botschaft
Dazu muss die Vorgeschichte erzählt werden, zu welcher der Meister kein Bild geschaffen hat. Bevor der Erzengel Gabriel Maria die Geburt des Jesuskindes ankündigte, war er Zacharias, dem Mann ihrer Cousine Elisabet erschienen. Elisabet stammte aus dem Geschlecht Aarons, des Bruders von Moses. Ihr Mann war Priester. Der Zölibat war damals noch kein Thema. Das Ehepaar lebte unweit von Jerusalem in den judäischen Bergen. Wie schon Sara, Abrahams Frau und Rebekka, die Frau Isaaks sowie Marias Mutter Anna, war auch Elisabet der Kindersegen verwehrt geblieben, was die Eheleute sehr betrübte. Aber auch für sie kam die Lösung vom Himmel. Der Evangelist Lukas beschreibt sie wie folgt:
„Einmal hatte Zacharias wieder Dienst am Tempel in Jerusalem … . Da erschien ihm plötzlich der Engel des Herrn… . Als Zacharias ihn sah, erschrak er und bekam große Angst. Aber der Engel sagte zu ihm: »Hab keine Angst, Zacharias! Gott hat dein Gebet erhört. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Johannes nennen. Dann wirst du voll Freude und Jubel sein, und noch viele andere werden sich freuen über seine Geburt. Denn er ist vom Herrn zu großen Taten berufen.“… Er wird dem Herrn als Bote vorausgehen…«
Zacharias sagte zu dem Engel: »Woran soll ich erkennen, dass es wirklich so kommen wird? Ich bin doch ein alter Mann, und meine Frau ist auch schon in vorgeschrittenen Jahren… Als seine Dienstwoche im Tempel beendet war, ging Zacharias nach Hause. Bald darauf wurde seine Frau Elisabet schwanger und zog sich fünf Monate lang völlig zurück. Sie sagte: »Das hat der Herr an mir getan! Wegen meiner Kinderlosigkeit haben mich die Leute verachtet; aber er hat sich um mich gekümmert und die Schande von mir genommen«.
(Lk I, 8-15)
Sechs Monate später schickt Gott seinen Erzengel Gabriel erneut los. Diesmal nach Nazaret zu Maria, der Tochter von Anna und Joachim. Wie in Bild VI/5 dargestellt, hatten sie die Eltern schon mit drei Jahren in die Obhut des Jerusalemer Tempels gegeben, wo so keusch und fromm erzogen worden war. Selbstverständlich noch jungfräulich war sie zu den Eltern zurückgekehrt und mit einem älteren Mann namens Josef verlobt worden. Er stammte aus dem Geschlecht König Davids. Über die Erscheinung des Engels und dessen Gespräch mit Maria berichtet Lukas:
»Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen! « Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. Da sagte der Engel zu ihr: »Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und wird „Sohn des Höchsten“ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihn auf den Thron seines Ahnherrn David erheben, und er wird für immer über die Nachkommen Jakobs regieren. Seine Herrschaft wird nie zu Ende gehen. «
Maria fragte den Engel: »Wie soll das zugehen? Ich bin doch mit keinem Mann zusammen! « Er antwortete: »Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird das Wunder vollbringen. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und Sohn Gottes genannt werden.
Auch Elisabet, deine Verwandte, bekommt einen Sohn trotz ihres Alters. Sie ist bereits im sechsten Monat, und es hieß doch von ihr, sie könne keine Kinder bekommen. Für Gott ist nichts unmöglich.«
Da sagte Maria: »Ich gehöre dem Herrn, ich bin bereit, soll an mir geschehen, was du gesagt hast.«
Darauf verließ sie der Engel.“
Lk I, 28-38
Friedhelm Mennekes beschreibt das Bild VI/6 in der Zittauer Bibel wie folgt:
„Die Jungfrau kniet rechts. Im Gebet nimmt sie den Besucher wahr und wendet sich ihm zu. Der Engel ist links durch die Tür eingetreten, kniet nieder und bringt ihr die Botschaft, dass sie aus der Kraft Gottes ein Kind empfangen soll. Er sagt dies mit Worten, die erweisen sollen, dass ihr Kind der verheißene Messias ist. Aus der gestischen Handhaltung entfaltet sich ein Spruchband, ein Hinweis auf die Worte des Grußes, den er spricht: «Ave Maria gratia plena Dominus tecum / Gegrüßt seist Du Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir! « (Lk I, 28b)
Als wir vor einigen Jahren Nazareth besuchten, war es schon dunkel geworden. Die mächtige Verkündigungsbasilika stand noch offen. Sie ist das fünfte Gotteshaus über der Grotte, in der Maria die Botschaft des Erzengels erhalten haben soll. Der Bau stammt von dem italienischen Architekten Giovanni Muzio und wurde 1969 geweiht. Die dreischiffige Basilika gilt als die größte Kirche im Nahen Osten. Ganz gleich, ob die Verkündigung Christi Geburt wirklich an diesem Ort stattfand, ob man daran glaubt oder nicht, seiner Spiritualität kann man sich nicht entziehen.
Aber selbst hier trafen wir auf ein Zeichen der verstrittenen Brüder Islam und Christentum. Unweit der Kirche war ein großes Plakat aufgespannt, auf dem in englischer Sprache Sure 3 des Koranverses 85 zu lesen war: „Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt, nimmer soll sie von ihm angenommen werden und im Jenseits wird er verloren sein“. Die Israelis sehen das gelassen und mischen sich nicht ein. Das Judentum steht offensichtlich über den Streitereien ihrer beiden jüngeren Geschwister.
Reihenfolge der Bilder:
1. Der Engel brachte Maria die Botschaft, Bild VI/6 (Zustand 1907)
2. Der Engel brachte Maria die Botschaft, Bild VI/6 (aktueller Zustand)
3. Nazareth, Verkündigungsbasilika
4. Nazareth, Verkündigungsgrotte in der Basilika
5. Nazareth, Koranvers vor der Verkündigungsbasilika