Heute schauen wir uns das fünfte und letzte Bild zur Annenlegende auf dem Fastentuch an.
Bild VI/5
Anna mit marian yn den tempil quam
Anna kam mit Maria in den Tempel.
Die Legenda aurea beschreibt die hier dargestellte Geschichte wie folgt:
„Als nach drei Jahren die Zeit der Entwöhnung vorüber war, brachten die Eltern das Mädchen mit ihren Opfergaben zum Tempel des Herrn. Es gab aber um den Tempel herum fünfzehn Stufen, gemäß den fünfzehn Stufenpsalmen. Da der Tempel auf einen Berg gebaut war, konnte der Brandopferaltar, der sich außerhalb befand, nur über diese Stufen erreicht werden. Als sie nun die Jungfrau auf die unterste Stufe gestellt hatten, stieg sie die übrigen Stufen ohne irgendwelche Hilfe empor, als ob sie bereits ein reiferes Alter erreicht hätte. Nachdem Joachim und Anna ihre Opfer dargebracht hatten, ließen sie ihre Tochter mit den anderen Jungfrauen im Tempel und kehrten nach Hause zurück. Die Jungfrau aber nahm an aller Heiligkeit zu, wurde täglich von Engeln besucht und erlebte Tag für Tag göttliche Visionen.“
(Legenda aurea S. 431f.)
Fünfzehn Stufen sind es auf dem Bild nicht, die Maria zum Tempel emporsteigt, sondern nur zehn. Eine höhere Anzahl hätte die Bildkomposition nicht zugelassen. Vor ähnlichen Problemen stand offensichtlich auch ein anderer unbekannter Meister, der sogar nur neun Stufen unterbrachte. Diese Tafelmalerei, die unten gezeigt wird, entstand um 1480 und befindet sich im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart.
Der Geschichte entsprechend wird Maria auf unserem Tuch nicht als Dreijährige, sondern deutlich älter dargestellt. Zielstrebig steigt sie mit betenden Händen die Treppe zur offenen Tempelpforte hinauf. Im Unterschied zu anderen Darstellungen ist dort kein Priester zu sehen, der sie ihn Empfang nimmt. Die Eltern Anna und Joachim schauen ihr zuversichtlich nach. Sicher empfanden sie auch Trauer darüber, ihre Tochter schon so früh aus dem Haus geben zu müssen. Während um Annas und Marias Haupt ein Heiligenschein leuchtet, bleibt Joachim dieses Symbol verwehrt. Das ist eigenartig, denn als der Engel ihm in Bild VI/2 die Geburt Marias prophezeit, leuchtet er auch ihm.
In zahlreichen Gemälden wird das Jesuskind mit seiner Mutter Maria und seiner Großmutter Anna dargestellt. Man nennt das Motiv „Anna selbtritt“. Dazu findet ihr unten ein großartiges Beispiel von Leonardo da Vinci, das er 1543 mit Öl auf Holz gemalt hat. Es ist im Pariser Louvre zu bewundern. Eine gewisse Ähnlichkeit der Gesichter mit dem der Mona Lisa ist nicht zu übersehen.
Diejenigen die noch kein Möglichkeit hatten, Jerusalem zu besuchen, finden unten zwei Fotos. Eines vom Tempelberg mit dem Felsendom und ein weiteres von der Klagemauer (Western Wall).
Reihenfolge der Bilder:
1. Anna kam mit Maria in den Tempel, Bild VI/5 (Zustand 1907)
2. Anna kam mit Maria in den Tempel, Bild VI/5 (aktueller Zustand)
3. Unbekannter Meister: Die Darstellung der Jungfrau Maria im Tempel von Jerusalem (um 1480), Ulm (?), Landesmuseum Württemberg, Stuttgart
4. Leonardo da Vinci: Anna selbdritt (zwischen 1503 und 1519), Öl auf Holz, Louvre, Paris
5. Jerusalem, Tempelberg mit Klagemauer und Felsendom
6. Jerusalem, Klagemauer