Am dritten Advent schauen wir uns ein weiteres Bild aus der Annenlegende an und zwar die Geburt Marias.
VI/4
Do gebert anna mariam lobezam
Anna schenkt Maria das Leben
„Es erfüllten sich aber ihre Monate, wie der Engel gesagt hatte: im neunten Monat gebar Anna. Und sie sprach zu der Hebamme: „Was habe ich geboren?" Und die Hebamme sprach: „Ein Mädchen." Da sprach Anna: „Erhoben ist meine Seele an diesem Tag." Und sie legte es nieder. Als aber die Tage erfüllt waren, da reinigte sich Anna von ihrem Wochenbett und gab dem Kinde die Brust, und sie verlieh ihm den Namen Maria.
(Protoevangelium 5,2)
Auch dieses Bild erweckt den Anschein, dass Maria in einem reichen Elternhaus geboren wurde. Der gewölbte Raum ist lichtdurchflutet. Anna sitzt in einem luxuriösen Wochenbett. Das große weiche Kissen in ihrem Rücken und die prächtige Überdecke unterstreichen das. Wie schon beim Treffen mit Joachim an der Goldenen Pforte wirken ihre Gesichtszüge jugendlich. Nachdem sie das in ein Steckkissen gewickelte Kind gestillt hat, hält sie es liebevoll in den Armen. Über ihren Köpfen leuchtet der Nimbus. Von links tritt eine junge Frau an das Bett heran. Sie ist offensichtlich noch unverheiratet, worauf ihr unverhülltes Haar hindeutet. Es könnte Annas Zofe sein, die ihr auf einem Teller etwas zu essen reicht.
Dieses Thema ist natürlich auch von anderen Künstlern dargestellt worden. 100 Jahre vor dem Meister des Großen Zittauer Fastentuches schuf ein ebenfalls unbekannter Maler im Chor der Martinskirche von Neustadt (bei Waiblingen) einen umfangreichen Marienzyklus, der die Geburt Marias in ähnlicher Weise zeigt. Deutlich opulenter stellt ein Oberrheinischer Meister um 1460 die Szene dar. Die Tafelmalerei befindet sich im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart.
Reihenfolge der Bilder:
1. Anna schenkt Maria das Leben, Bild VI/4 (Zustand 1907)
2. Anna schenkt Maria das Leben, Bild VI/4 (aktueller Zustand)
3. Unbekannter Meister: Geburt Marias (um 1370), Seccomalerei, Chor der Martinskirche in Waiblingen, OT Neustadt
4. Oberrheinischer Meister: Geburt Marias (um 1460), Tafelmalerei, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart