ADVENT
Mit der Adventszeit beginnt das neue Kirchenjahr. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und meint eigentlich adventus domini (Ankunft des Herrn). Er steht für die Zeit, in der sich Christen auf das Fest der Geburt Jesu vorbereiten. Zugleich soll an seine Wiederkehr am Tag des Jüngsten Gerichts gemahnt werden. Übrigens war das im frühen Christentum eine Fastenzeit. Sie begann nach dem 11. November, dem Martinstag und endete am 6. Januar. Bevor 1582 der Gregorianische Kalender eingeführt wurde, feierte man zu diesem Termin das Weihnachtsfest und tut es in den Ostkirchen noch heute. Diese Seite der Adventszeit ist nahezu vergessen. Es wird schon lange nicht mehr gefastet. Im Gegenteil, es kommen bereits allerlei Leckereien auf den Tisch, und man wird von der vorweihnachtlichen Angebotsflut in den Geschäften nahezu erschlagen.
Da Maria das Jesuskind unter dramatischen Umständen gebar, ist die Adventszeit auch mit dem Gedenken an das Leben dieser Frau verbunden. Das Große Zittauer Fastentuch leitet deshalb das Neue Testament mit fünf Bildern zur Geschichte der Eltern, der Geburt und der Kindheit Mariens ein. Die Bibel schweigt sich dazu weitgehend aus. Um etwas zu erfahren, muss man das Protoevangelium des Jakobus bemühen. Obwohl nicht in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen, war es sowohl in der Ost- als auch in der Westkirche sehr populär, was auch das Zittauer Fastentuch belegt. Die Bilder der sog. Annenlegende wollen wir uns an den nächsten vier Sonntagen anschauen.
Dort wird berichtet, dass Marias Vater Joachim aus Nazareth und ihre Mutter Anna aus Bethlehem stammte. Die Eheleute waren offensichtlich recht wohlhabend, denn sie besaßen eine große Herde, die von angestellten Hirten gehütet wurde. Obwohl sie sehr fromm lebten, blieb der Kindersegen aus, was bei den Israeliten als Strafe Gottes galt. Auch das Versprechen, das sehnsüchtig erwartete Kind ganz Gott zu weihen, schien nicht zu helfen. Als Joachim mit seinen Stammesgenossen zum Fest der Tempelweihe nach Jerusalem pilgerte, um dort sein Opfer darzubringen, wies der Priester ihn vor den Augen seiner Begleiter brüsk ab.
Diese Szene wird in Bild VI/1 dargestellt. Der Text darunter lautet: „Den bischof iocheyms oppir schmelich vordrus“. Da es bei den Israeliten keinen Bischof gab, übersetzt das Friedhelm Mennekes in der Zittauer Bibel mit „Der Hohepriester verschmäht Joachims Opfer“
Tief gedemütigt und beschämt, traute sich Joachim nicht nach Hause. Er blieb auf der Weide bei seinen Hirten. Nach einigen Tagen erschien ihm ein Engel. Der sprach zu ihm: „Ich bin der Engel des Herrn und bin zu dir gesandt, um dir zu verkünden: Deine Gebete sind erhört worden, und deine Almosen sind hinaufgestiegen bis vor den Herrn! Ich habe nämlich deine Schande gesehen und den Vorwurf der Unfruchtbarkeit gehört, den man dir zu Unrecht gemacht hat. Denn Gott ist der Rächer der Sünde, nicht aber der Natur, und wenn er den Schoß einer Frau verschließt, so tut er das, um ihn dann auf noch wunderbarere Weise zu öffnen, damit erkannt werde, dass die daraus geborene Frucht nicht der Lust entstamme, sondern ein Geschenk Gottes sei. Hat nicht Sarah, die Mutter eures Stammes, den Vorwurf der Unfruchtbarkeit bis zu ihrem neunzigsten Jahr ertragen müssen und dann Isaak geboren, dem der Segen aller Völker verheißen wurde? War nicht auch Rachel lange unfruchtbar? Und doch hat sie Josef geboren…
So wird auch Anna, deine Frau, dir eine Tochter gebären, und du sollst ihr den Namen Maria geben. Wie ihr es Gott gelobt habt, wird sie von ihrer Kindheit an dem Herrn geweiht sein, und schon im Mutterleib wird sie der Heilige Geist erfüllen. Und wie sie selber von einer unfruchtbaren Mutter zur Welt kommen wird, so soll aus ihr auf wunderbare Art der Sohn des Höchsten geboren werden; sein Name wird Jesus sein, und durch ihn wird allen Völkern das Heil kommen. Und das soll dir zum Zeichen sein: Wenn du in Jerusalem zum Goldenen Tor kommst, wirst du Anna, deiner Frau, begegnen, und sie wird sich über deinen Anblick erfreuen, denn sie ist in großer Sorge über dein langes Wegbleiben."
(Protoevangelium des Jakobus 4,2)
Diese Szene zeigt Bild VI/2 und die Unterschrift lautet: „Der engil troste iocheym der bey den hirtin gingk“ / Der Engel tröstete Joachim bei seinen Hirten.
Wie diese rührende Geschichte weitergeht, erfahrt ihr am zweiten Advent.