Heute betrachten wir, wie der Meister des Großen Zittauer Fastentuches Jakobs Traum von der Himmelleiter dargestellt hat. In den nächsten Wochen muss die Serie pausieren, weil ich viel auf Reisen bin. Sie war ja ursprünglich nur als Überbrückung der Schließzeit unseres Museums wegen der Covid 19 Pandemie gedacht. Da sie aber inzwischen viele Freunde gefunden hat, werde ich sie im Herbst fortsetzen.
Bild IV/4
Jacob trawmte das dy engel von Hymmel qvomen
Jakob träumte, wie die Engel vom Himmel kommen
„Rebekka sagte zu Isaak: »Das Leben ist mir verleidet, weil Esau diese Hetiterinnen geheiratet hat. Wenn auch noch Jakob eine Frau aus dem Land hier nimmt, möchte ich lieber gleich sterben« Da rief Isaak seinen Sohn Jakob zu sich. Er segnete ihn und sagte: »Du darfst auf keinen Fall eine Frau aus dem Land Kanaan heiraten! Geh nach Mesopotamien zur Familie Betuels, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir eine von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter, zur Frau. Gott, der Gewaltige, wird dich segnen. Er wird dich fruchtbar machen und dir viele Nachkommen schenken, sodass aus dir eine ganze Schar von Völkern wird. Auf dich und deine Nachkommen wird der Segen übergehen, den Abraham empfangen hat: Sie werden das Land in Besitz nehmen, in dem du noch als Fremder lebst und das Gott einst Abraham zugesprochen hat.«
Jakob machte sich auf den Weg von Beerscheba nach Haran. Er kam an einen Platz und übernachtete dort, weil die Sonne gerade untergegangen war. Hinter seinen Kopf legte er einen der großen Steine, die dort umherlagen. Während er schlief, sah er im Traum eine breite Treppe, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Engel stiegen auf ihr zum Himmel hinauf, andere kamen zur Erde herunter. Der HERR selbst stand ganz dicht bei Jakob und sagte zu ihm: »Ich bin der HERR, der Gott deiner Vorfahren Abraham und Isaak. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Sie werden so unzählbar sein wie der Staub auf der Erde und sich nach allen Seiten ausbreiten, nach West und Ost, nach Nord und Süd. Am Verhalten zu dir und deinen Nachkommen wird sich für alle Menschen Glück und Segen entscheiden. Ich werde dir beistehen. Ich beschütze dich, wo du auch hingehst, und bringe dich wieder in dieses Land zurück. Ich lasse dich nicht im Stich und tue alles, was ich dir versprochen habe.«
Jakob erwachte aus dem Schlaf und rief: »Wahrhaftig, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!« Er war ganz erschrocken und sagte: »Man muss sich dieser Stätte in Ehrfurcht nähern. Hier ist wirklich das Haus Gottes, das Tor des Himmels!«
Früh am Morgen stand Jakob auf. Den Stein, den er hinter seinen Kopf gelegt hatte, stellte er als Steinmal auf und goss Öl darüber, um ihn zu weihen. Er nannte die Stätte Bet-El (Haus Gottes); vorher hieß der Ort Lus. Dann legte Jakob ein Gelübde ab: »Wenn der HERR mir beisteht«, sagte er, »wenn er mich bewahrt auf der Reise, die ich jetzt antrete, wenn er mir Nahrung und Kleidung gibt und wenn ich wohlbehalten wieder nach Hause zurückkomme, dann soll er allein mein Gott sein. Hier an dieser Stelle, wo ich den Stein aufgestellt habe, soll dann ein Heiligtum für ihn errichtet werden. Von allem Besitz, den er mir schenken wird, werde ich ihm den zehnten Teil geben.«
Wir sehen den tief schlafenden Jakob. Er liegt mit leicht angewinkelten Beinen an einem Berghang. Sein Kopf ruht auf einem Stein. Der Gesichtsausdruck wirkt entspannt. Über dem schlafenden jungen Mann türmen sich Sandsteinfelsen, so wie sie im Zittauer Gebirge zahlreich vorkommen. Jakob trägt ein elegantes rotes Gewand und dazu passende Stiefel. Ein blauer Mantel dient ihm als Decke. Die runde Wasserflasche steht griffbereit. Rechts diagonal im Bild sehen wir, abweichend vom Bibeltext, keine Treppe, sondern eine hölzerne Leiter. Zwei kindlich aussehende Engel steigen hinauf zu Gott, der sie – die Leiter haltend – in einer Wolke erwartet. Er tritt uns in der gleichen Gestalt entgegen wie in den Schöpfungsbildern.
An der Stätte Bet-El, da, wo Jakob nach dem biblischen Bericht das Steinmal aufgerichtet und mit Öl geweiht hatte, ließ Jerobeham I. einen Tempel errichten. Nach dem Tode König Davids (926 v.Chr.) war dessen Reich in zwei Teile zerfallen. Jerobeham regierte das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria und Rehabeam das Südreich Juda, dessen politisches und kultisches Zentrum Jerusalem war. Um die Kultstätte Bet-El gegenüber dem Jerusalemer Tempel aufzuwerten, ließ Jerobeham ein „Goldenes Kalb“ aufstellen. Auf dieses Thema werden wir später noch zurückkommen. Die Ruinen dieses Konkurrenztempels liegen in den Bergen nördlich von Jerusalem, unweit des palästinensischen Dorfes Beitin im Westjordanland.