Trink und iss …
Im vergangenen Herbst erhielt das SMG den Besuch einer über 90-jährigen Dame, die eine ganz besondere Dauerleihgabe anbot. Ihre Familie stammt aus Alt Kemnitz/Stara Kamienica in de Nähe von Hirschberg/Jelenia Góra. Die Dame konnte sich noch gut erinnern, dass schon ihre Großeltern einige schöne, wohl barocke Gläser besessen hatten. Diese gingen dann an ihre Eltern über und später bei Flucht und Vertreibung weitgehend verloren. Einen kleinen Fußbecher aber konnten sie retten und er blieb bis jetzt in ihrem Besitz. Er stellt für die alte Dame eine der letzten dinglichen Erinnerungen an ihre Großeltern und Eltern dar und wurde stets in Ehren gehalten.
Der kleine facettierte Fußbecher besteht aus in der Form geblasenem Glas und wurde im Riesengebirge hergestellt. Das Glas selbst stammt aus der Preussler´schen Glashütte in Schreiberhau und wurde in einem der bekannten Glasschleiferorte rund um Hirschberg durch Schliff und Schnitt dekoriert. Die Wandung zieren eine geschnittene Allegorie – ein Früchtekorb, der von zwei Armen gehalten wird, die aus dem Himmel reichen – und Pflanzenranken. Am Rand oben findet sich die Inschrift „Trinck und ies gottes nicht vergies das Ende kumbt gewies 1743“ (Trink und iss, Gott nicht vergiss, das Ende kommt gewiss, 1743). Mit dieser Ermahnung ist der Becher der spätbarocken Memento mori-Kultur zuzurechnen: Der Mensch gedenke immer, dass er bei allem Wohlergeben und Erfolg sterblich ist und er dieses Schicksal jederzeit erleiden kann.
Der 9,2 cm hohe Fußbecher hat die Zeiten gut überstanden und ist ohne Beschädigungen. Auf Wunsch der alten Dame soll er nun im Schlesischen Museum zu Görlitz aufbewahrt werden – ein Wunsch, den das SMG gerne erfüllt.