Breslauer Studentenverbindungen 2
Eine weitere Kuriosität aus der fernen und fremden Welt der Studentenverbindungen – ein „Zipfelbund“ des Akademischen Turnvereins Breslau (ATV) mit sechs Zipfeln. Die Textilbänder sind von gravierten Silbermanschetten eingefasst und mit Ketten an einem Karabiner befestigt. Auf den Manschetten finden wir jeweils den „Zirkel“ (Monogramm in Ligatur) der Studentenverbindung sowie die Namen von Spender und Empfänger. Rot-weiß-rot waren die Farben des ATV. Das schwarz-weiß-grüne Band stammt von einem Verbindungsmitglied des Corps Agronomia, den Studenten der Landwirtschaft.
So ein Zipfel ist ein Symbol für gute Freundschaften unter Verbindungsstudenten. Den ersten, großen "Bierzipfel" erhält man von seinem „Leibburschen“, einem älteren Studenten, der als eine Art Pate oder Mentor fungiert. Die kleineren "Weinzipfel" kann man dann mit anderen befreundeten Korporierten tauschen. Das ganze wird in einem Zipfelbund zusammengefasst, den man bei Verbindungsveranstaltungen am Gürtel trägt.
Im Gegensatz zu anderen Studentenverbindungen schien beim Akademischen Turnverein Breslau wirklich die sportliche Betätigung im Vordergrund gestanden zu haben und weniger der Bierverbrauch. Gegründet 1875 betätigte man sich zunächst im traditionellen Geräteturnen. In den 1880er Jahren kamen auch Rudern und Leichtathletik hinzu. 1894 fand das erste öffentliche Fußballspiel im Deutschen Turnerbund zwischen dem ATV Breslau und dem Leipziger ATV statt. Und seit 1912 gab es Skiläufer im Verein.
Der Zipfelbund gehörte Johannes „Jonas“ Adler. 1913 in Breslau geboren, studierte er 1931-1935 evangelische Theologie an der Universität seiner Heimatstadt. 1946-1953 war er Pfarrer der Lutherkirche in Görlitz. Schon zu dieser Zeit war er stark in die Pressearbeit der evangelischen Kirche in der DDR eingebunden. 1961 wurde er theologischer Leiter und Cheflektor der Evangelischen Verlagsanstalt in Berlin und übte dieses Amt bis zu seinem Ruhestand 1979 aus. Johannes Adler verstarb 2001 in Berlin.
Fotos: © SMG